Die Säuberung, die gerade vor einem Jahr mit dem Ausschluß des damaligen Parlamentspräsidenten Milowan Djilas aus der Kommunistischen Partei Jugoslawiens begann, scheint sich jetzt fortzusetzen. Vor der breiten Öffentlichkeit nahm die jetzige Krise ihren Ausgang von Presseinterviews, die der Tito-Biograph Wladimir Dedijer am 22. Dezember in der Londoner Times und der seit seinem Ausschluß aus der Partei in völliger Obskurität lebende Milowan Djilas am 25. Dezember in der New York Times veröffentlichten. Besonders Djilas hatte in diesem Interview seine alte Forderung nach einer Demokratisierung des jugoslawischen Regimes gerade in einem Augenblick aufgenommen, in dem der Staatschef Tito selbst auf seiner Asienreise in öffentlichen Erklärungen und Trinksprüchen immer neue Bekenntnisse zum demokratischen Sozialismus ablegte. Aber während die jugoslawischen Propagandadienststellen das Bestreben haben, die Sache zu bagatellisieren und so darzustellen, als ob nur die Kritik des eigenen Landes in ausländischen Zeitungen Anlaß zu Maßnahmen gegen Dedijer und Djilas gegeben habe, war in Wirklichkeit schon vor der Veröffentlichung dieser Artikel die Aktion gegen Djilas und seine Freunde wieder aufgenommen worden. Bereits am 15. Dezember war Dedijer, der sich vor einem Jahr beim Ausschluß von Djilas aus der Partei nicht gänzlich von seinem alten Freund losgesagt hatte, vor die Kontrollkommission geladen und dort beschuldigt worden, „der aktivste Mitarbeiter von Djilas bei der Vorbereitung und Durchführung einer Fraktionsbildung und feindlicher Aktionen gegen die Kommunistische Partei“ zu sein. Zur gleichen Zeit fiel auf, daß bei Ordensverleihungen in der Armee der Generalstabschef Daptschewitsch, ebenfalls ein alter Freund von Djilas und Dedijer, übergangen wurde, nachdem er kurz vorher durch Entschließung seines heimatlichen montenegrinischen Parteikomitees seine Position im Zentralkomitee verloren hatte. Als Dedijer ausländische Journalisten empfangen wollte, um sie zu informieren, wurde er von der Staatspolizei isoliert. Seine „Wähler“ im Wahlkreis Pantschewo – Dedijer ist auch Abgeordneter – veröffentlichten eine Resolution, in der sie ihn als einen „gewöhnlichen Verräter“ bezeichneten. Eine Fülle von Erklärungen ist seither von kommunistischen Parteiführern und Dienststellen gegen Djilas und Dedijer veröffentlicht worden, während gleichzeitig alle diejenigen, die zu ihrem Freundeskreis gerechnet zu werden befürchten, sich zu distanzieren suchen und ihrerseits das Verhalten der beiden mißbilligen und Vorwürfe gegen sie erheben.

Unter solchen Umständen fragt man sich in Belgrad, ob die Säuberungsaktion wirklich so bedeutungslos und begrenzt ist, wie die jugoslawischen Propagandabehörden behaupten, und ob nicht, wie die Londoner Times annimmt, eine Aktion gegen alle diejenigen unorthodoxen jugoslawischen Kommunisten vorbereitet wird, die heftige Opponenten der Sowjetunion sind und eine Beschleunigung der Demokratisierung in Jugoslawien fordern. Es darf nicht übersehen werden, daß die Affäre Djilas vor einem Jahr in einen Zeitpunkt fiel, in dem der Kontakt zwischen Belgrad und Moskau nach dem Tode Stalins gerade wieder aufgenommen wurde. Die Affäre Dedijer beginnt in einem Augenblick, in dem der neue Kurs der Sowjetpolitik bereits zu. einer Normalisierung zwischen Belgrad und Moskau und möglicherweise zu weiteren Annäherungsmaßnahmen geführt hat. P. P.