Nach der Ratifizierung der Pariser Verträge durch Frankreich steht zu erwarten, daß die sowjetische Propaganda ihr Feuer auf Deutschland konzentrieren wird. In diesem Zusammenhang sind die Gerüchte über die Bildung eigener sowjetzonaler Kirchenorganisationen von Bedeutung, wie sie in der jüngsten Zeit aus führenden Gremien der zonalen CDU verbreitet werden. Wie sehr es sich dabei zunächst um ausgesprochene Repressalien handelt, geht aus der Drohung hervor, man werde im Falle einer Ratifizierung der Pariser Verträge und der Wiederbewaffnung Deutschlands die kirchlichen Fragen einer Überprüfung unterwerfen und die bisher bestehenden Bindungen auflösen. Die damit zusammenhängenden Pläne werden aber nach den erwähnten Informationen schon jetzt diskutiert.

Welche Taktik würde der Kommunismus, wenn er die Kirchenspaltung zur politischen Forderung erhebt, gegen die katholische Kirche einschlagen? Würde er sich damit begnügen, sie vor der Nation als Trägerin „karolingischer Tendenzen“ (wie die Formel aus dem Lager „fortschrittlicher“ H.J.-Führer lautet) anzuklagen und sie zu diffamieren, oder bieten sich ihm auch gegenüber dem Katholizismus stärkere Druckmittel? Die Nachrichten aus dem Osten wollen tatsächlich von sehr weitgehenden Plänen wissen. Es sei beabsichtigt, eine vom Vatikan unabhängige katholische Kirche zu gründen. Es wäre nur folgerichtig, wenn man diesen Versuch unternähme. Andernfalls könnte nämlich eine erzwungene Unterwerfung der evangelischen Kirchenorganisation unter die politische Macht des Kommunismus dazu führen, daß gläubige Protestanten zur katholischen Kirche abwanderten, weil diese ja dann geradezu ein Monopol auf die Vertretung des christlichen Widerstandes gegen das totalitäre Regime erhielte.

Die Erfahrungen in Ungarn und in der Tschechoslowakei sind kaum geeignet, eine kommunistische Kirchenpolitik zu ermuntern, die den Katholizismus zum einzigen Widerpart der Tyrannis stempelt. In Ungarn meinten die Kommunisten, sich gegen die katholische Kirche und ihren Fürstprimas auf den magyarischen Calvinismus stützen zu können, der traditionell anti-österreichisch, anti-habsburgisch und damit in weiterer Konsequenz antiwestlich überhaupt, im besonderen anti-deutsch und ein Gegner der alten Reichsidee war. Die „Kuruzen“ – die magyarisch-christlichen Bundesgenossen der Türken in den Jahrhunderten des Kampfes um die Herrschaft über Ungarn und der Spaltung des Königreiches in eine christliche Monarchie im Westen und eine osmanische Satrapie in der Landesmitte und im siebenbürgischen Osten –, die Bethlen, Gabor, Bocskay und Rakoczy haben in der Familie Kossuth, später in Michael Karolyi, der nach dem ersten Weltkrieg Ungarn dem Kommunisten Bela Kun in die Hände spielte, bis in die jüngste Zeit Nachfolger gefunden. Schon 1919 zeigte sich gerade an dem Fall Karolyis (der auch nach 1945 wieder in die kommunistische Diplomatie eintrat), daß der Kommunismus auch für manchen Angehörigen der magyarischen Junkerkaste kein Hindernis ist, wenn es gilt, den alten Kuruzenhaß gegen ein „römisches“ Regime auszutoben, das für den Durchschnittsmagyaren auch ein österreichisches und eine Herrschaft der „Schwaben“ darstellt. Der magyarische Calvinismus erhielt geistige Unterstützung aus dem Westen, als Karl Barth gegen Kardinal Mindszenty Stellung nahm. Soweit bewährte sich die Strategie der kommunistischen Machthaber. Die Kehrseite der Medaille aber war die Verklärung des verurteilten Kardinals zum Sinnbild der Freiheit und der Hoffnungen des unterdrückten Volkes. Gerade durch den Prozeß gegen den Fürstprimas erhielt der Katholizismus in Ungarn eine nationale Bedeutung und einen Nimbus, die er bis dahin nicht besessen hatte, weil er von der Gentry als austrophil verdächtigt war. Und er wurde zum Repräsentanten eines über alle konfessionellen Grenzen hinauswachsenden Freiheitsstrebens, also gerade zu dem Märtyrer, der er nicht hätte werden dürfen, wenn der Zweck des Prozesses erreicht werden sollte. Es ist nicht anzunehmen, daß die Sowjets diesen Fehler wiederholen.

In der Tschechoslowakei haben sie den anderen Weg eingeschlagen. Sie versuchen, den widerspenstigen Erzbischof Beran zu isolieren und eine romfreie Nationalkirche aufzubauen. Das ist bis zu einem gewissen Grade gelungen, aber nur, weil sich geschichtliche Voraussetzungen vorfanden, auf denen man aufbauen konnte. Sie reichen bis in die Zeit des Hussitismus und der „utraquistischen“ böhmischen Nationalkirche zurück, der das Basler Konzil im Jahre 1433 weitgehende Sonderrechte (unter anderem das Abendmahl unter beiderlei Gestalt, sub utraque specie, daher der Name Utraquisten) eingeräumt hatte. In der Gegenreformation ging diese Kirche zwar zugrunde, aber 1919 erstand sie wieder als Tschechoslowakische Nationalkirche neben den alten protestantischen Brüdergemeinden, die mit so bedeutenden Namen wie denen Chelčickys und des Jan Amos Comenius (Komensky) in die abendländische Geistesgeschichte eingegangen sind. Freilich blieb die Nationalkirche eine Sekte, die sich hauptsächlich auf abtrünnige, des Zölibats überdrüssige katholische Geistliche und nationalistische Kleinbürger stützte. Immerhin war ein Anfang da, als man nach 1948 die Priester verstaatlichte und gegen Rom aufputschte. Eine andere Tradition, die sich mit den neuen Prêtres assermentés weiterspinnen ließ, führt auf die französische Revolution und die enge Bindung des jungtschechischen Freisinns im Stile Masaryks an die jakobinischen Gedanken zurück. Weite Kreise des tschechischen Klerus standen und stehen – selbst im Exil – im Banne dieser Ideen, die zeitweise auch die katholisch-klerikale „Volkspartei“ beherrschten, nicht dagegen die slowakische Partei gleichen Namens. Zwischen den Lidovci und den Ludovci, den tschechischen und den slowakischen Klerikalen, bestand seit je eine Kluft, und als die Slowaken, die Erben des streitbaren Volkspriesters Hlinka, 1945 das Schafott bestiegen, saßen die tschechischen Klerikalen in der Regierung der Henker. Aber auch in den böhmischen Ländern, auf dem Boden, der mit dem Blut der Hussiten und ihrer Gegner getränkt ist, gelang das Experiment der nationalkirchlichen, verstaatlichten, kommunistischen Gegenkirche nur in bescheidenem Ausmaß. Der abtrünnige Priester Plojhar ist keine volkstümliche Gestalt. Im Exil werden, katholische Kräfte mehr und mehr zu Wortführern der Befreiung und eines neuen Staatskonzepts.

In der Sowjetzone finden sich weder für das ungarische noch für das tschechische Modell Ansätze in der geschichtlichen Überlieferung. Sie wären vielleicht in Österreich vorhanden, wo es eine josephinische, zum Staatskirchentum drängende Tradition gibt, und wo der Nationalsozialismus mit Erfolg an Schönerers Los-von-Rom-Bewegung anknüpfen konnte, aus der er selbst hervorgegangen war und die Hitlers kranke Phantasie beflügelt hatte. Aber im ostelbischen Deutschland? Die sudetendeutschen Vertriebenen, die josephinistische und alldeutsch-antirömische Ressentiments in ihrem geistigen Gepäck mitführen, sind in der Sowjetzone als Opfer des tschechischen Nationalbolschewismus gewiß nicht bereit, die Rekruten einer deutschen Nationalkirche zu werden, deren Zweck die religiöse Rechtfertigung aller Gewaltakte seit 1945 wäre. Die katholische Diaspora älteren Ursprungs wird ebensowenig die Neophyten einer romfreien Pankower Staatskirche liefern. Und so sehr der Vatikan besorgt sein mag, wenn der Kommunismus etwa eine chinesische Nationalkirche errichten will – was in jüngster Zeit in einer scharfen Kontroverse erörtert wurde –, so wenig Angst braucht er wohl vor einem national- und staatskirchlichen Experiment des Kreml in Deutschland zu haben, im sowjetisch besetzten Deutschland. Welche Folgen die kommunistische Propaganda in der Bundesrepublik zeitigen und wie weit sie bei den deutschen „Linkskatholiken“ auf fruchtbaren Boden fallen könnte, das steht auf einem anderen Blatt.

Im-übrigen dürfen wir nicht übersehen, daß es bei den Polen und bei den West-Ukrainern (die um 1600 mit der römisch-katholischen Kirche „uniert“ wurden und heute mit Gewalt zur sowjet-orthodoxen Staatskirche „bekehrt“ werden) ein katholisches Problem gibt, das den Kreml schon wegen seines quantitativen Umfanges ganz anders beschäftigt als das deutsche oder auch das tschechische. Es geht hier immerhin um 30 Millionen Menschen, für die der katholische Glaube und Ritus eine alte und starke Bindung an den Westen bedeuten. Hier beginnen auch die Fragen, die den gesamten Westen, im besonderen aber uns Deutsche als die nächsten Anrainer der östlichen Welt, mehr als bisher beschäftigen sollten. In der breiten Grenzzone zwischen lateinisch-abendländischer und griechisch- oder prawoslawisch-morgenländischer Welt spielen Kirchenfragen seit der ersten Jahrtausendwende, da Rom diese Völker aus der deutschen Kirchenhoheit löste und ihnen zu eigenem geistigen und geistlichen Leben verhalf, eine wichtige Rolle. Weder die russische und die ukrainische, noch vollends die polnische und die böhmische, ungarische oder kroatische Frage lassen sich ohne Beachtung kirchengeschichtlicher und religiöser Probleme auch nur verstehen, geschweige denn lösen. Hier tut uns Befreiung aus der „kleindeutschen“ Enge unserer Staatsauffassung not, hier gilt es auch, großeuropäisch zu denken und zu planen. Diese eine Lehre sollten wir aus den jüngsten Drohungen Pankows immerhin ziehen. Emil Franzel