Von W. Martini

Von Zeit zu Zeit erheben sich mißmutige, weil steuerzahlende, Stimmen, um über die Höhe der parlamentarischen Diäten oder gar darüber, daß es sie überhaupt gibt, lebhafte und populäre Klage zu führen. Nicht weniger übel pflegen Ministerpensionen vermerkt zu werden. Und bestürzt sinnen dann Staat und also Angegriffene auf Argumente der Rechtfertigung: als ob es einer Rechtfertigung des simplen Umstandes bedürfte, daß auch Politiker kein kostenloses Leben führen, als ob nicht, wenn die durch-die Politik gewährten Mittel allzu niedrig waren, ihr sich am Ende nur noch die Taugenichtse, die es in bürgerlichen Berufen zu noch weniger bringen, zuwenden würden und als ob es sich schließlich von selbst verstünde, daß einer Arbeit eine angemessene Bezahlung ausgerechnet deswegen zu verweigern wäre, weil sie im öffentlichen Interesse erfolgt.

Mit einer Denkweise ausgestattet, die sich nur deshalb des Rufes schlichter Gradheit erfreut, weil ihr die Verwicklungen des Lebens verborgen bleiben, sehen jene Kritiker eine abgründige Bosheit darin, daß die Politik „zum Geschäft“ geworden ist. In ihrer Unschuld bemerken sie nicht, daß hier nicht Infamie am Werke ist, sondern ein tiefes Problem vorliegt, das freilich etwas anders beschaffen ist, als ihnen der Unmut einredet. Es ist das Problem, wie die Teilnahme an der Herrschaft zu finanzieren ist, und damit wiederum steht das Problem der Elite im engen Zusammenhang. Wo Staat ist, besteht Herrschaft: auch in der Demokratie, obwohl sie diesen Sachverhalt mittels der Fiktion von der Herrschaft aller durch alle über alle verdeckt. Und auch in der Demokratie stellt sich das Problem der Elite, obwohl sie die Vokabel nicht liebt, anderseits aber doch behauptet, das Problem auf eine besonders glückliche Weise zu lösen.

In einer berühmt gewordenen Untersuchung unterschied Max Weber zwischen solchen Politikern, die für die Politik und solchen, die von ihr leben: nur jene könnten Politiker „großen Zuschnitts“ werden. In seinem Idealstaat reservierte Platon die Politik dem Funktionärskorps der „Wächter“, die aus öffentlichen Mitteln zu bezahlen seien, damit sie aller Sorgen um das tägliche Brot enthoben wären, wobei ihnen freilich die „Diäten“ keine Möglichkeiten zum Luxus bieten sollten. Und der Begründer der Physiokratenschule, François Quesnay, hielt die Existenz einer classe disponible für unerläßlich, einer Klasse also, die tatsächlich nur „für die Politik“ zu leben in der Lage, wäre. Es ist also stets der gleiche und einfache Gedanke: Staat setzt Herrschaft, funktionierende Herrschaft setzt eine Elite und eine funktionierende Elite setzt wirtschaftliche Unabhängigkeit voraus.

Das großartigste Beispiel einer classe disponible bot die englische Plutokratie des 18. und 19. Jahrhunderts. Eine unermeßlich reiche Klasse übte die Herrschaft aus, trieb also Politik. Da sie von Renten lebte, konnte sie für die Politik leben. Schon in frühester Jugend wurden ihre Söhne in Eton oder Harrow in der Kunst des Herrschens unterwiesen. Ihr Reichtum erlaubte es ihnen, sich nicht deswegen um Staatsstellungen zu bemühen, weil sie der damit verbundenen Gehälter bedurft hätten: das eines Ministers beispielsweise war nicht mit ihren Einkünften aus Vermögen zu vergleichen. So war die Politik ihr Beruf, doch nicht ihre Erwerbsquelle. Ihre persönlichen Motive waren daher höchstens auf den Ehrgeiz beschränkt. Ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit erlaubte es ihnen, ein Amt vorwiegend nach sachlichen Gesichtspunkten zu verwalten, weil die Möglichkeit seines Verlustes keine Drohung gegen die Existenz selber enthielt. Die englische Oberschicht zeichnete sich dadurch vor den kontinentalen Eliten aus, daß in ihrem adeligen Teil nur der älteste Sohn Titel und Vermögen erbte, was wesentlich zur Sicherung der Herrschaftskontinuität beitrug und das Problem des verarmten Adels kaum aufkommen ließ, während anderseits ein Aufstieg in die Führungsschicht nicht unmöglich war: beides wirkte als Gegengewicht gegen die Exklusivität der Elite, die dadurch niemals den vielfältigen Kontakt mit der Nation verlor und vor einer geistigen Versteinerung weitgehend bewahrt wurde.

Natürlich lassen sich auch die negativen Seiten jenes Systems nicht übersehen: sie bestanden vor allem darin, daß die „Plutokraten“ in erster Linie im Interesse ihrer eigenen Klasse herrschten. Im alten England freilich mißbrauchten sie ihre Macht verhältnismäßig wenig – auch das macht zu einem Teil die Kunst des Herrschens aus! –, sodaß sie, was zum Wesen der Elite gehört, auch von unten her anerkannt blieben. Sonst hätte Karl Marx, zu dessen „Kapital“ ja vor allem das englische Industrieproletariat Modell gestanden hatte, gerade bei diesem kaum ein so geringes Echo gehabt. Mit dem ersten Weltkrieg begann der Zersetzungsprozeß der großen englischen Vermögen, damit auch der Oberschicht, deren Herrschaftsanspruch nun an Geltung einbüßte, parallel dazu bahnte sich die schleichende Auflösung des Empires an und zugleich wurde die Demokratisierung durch die Ausdehnung des aktiven Wahlrechts vollendet. Die besten Traditionen und Institutionen aber, die noch heute in der englischen Demokratie wirken und unsere Bewunderung erregen, sind vorwiegend „plutokratisches“ Erbe.

Heute, nach zwei verlorenen Weltkriegen und zwei Inflationen, ist auch bei uns eine Diskussion über die Vor- und Nachteile der Plutokratie gegenstandslos geworden. Denn es gibt keinen „Plutos“ mehr und der „Steuersozialismus“ verhindert es, daß sich neuer bildet. Es gibt zumindest keine größere und in sich geschlossene Schicht mit nennenswerten Vermögen mehr, für die der traditions- und daher instinktlose Neureichtum unserer Tage, der überdies ebenso wenig eine größere und einheitliche Schicht bildet, keinen Ersatz zu bieten vermag. Wir sollten uns hüten, darin einen Vorzug, etwa im Sinne einer Annäherung an das Ideal „sozialer Gerechtigkeit“ zu sehen, der unser Jubel zu gelten habe. Denn nicht zuletzt gehen unzählige Erscheinungen unseres öffentlichen wie privaten Lebens auf den Schwund der Vermögen zurück, an deren Stelle ein surrealistischer Spesenluxus getreten ist. Freiheit gewährt am sichersten wirtschaftliche Unabhängigkeit, die nicht durch noch so hohe Arbeitseinkünfte, aber auch nicht durch die Unkündbarkeit des Berufsbeamten und seinen Anspruch auf Pension voll ersetzt werden kann. Unabhängigkeit in diesem Sinne besitzen nur noch wenige, und während früher auch die Abhängigen doch dem wirtschaftlichen Boden, auf dem sie standen, vertrauen konnten, lassen die seit 1918 erworbenen Erfahrungen ein solches Gefühl der Sicherheit selbst in Zeiten der Hochkonjunktur nicht mehr aufkommen: daher die allgemeine Unterwürfigkeit gegenüber dem Staat, dem Parteivorstand oder dem Wähler, daher das Absterben der „Zivilcourage“, daher das habituelle, früher fast nur von Psychopathen, Neurotikern oder sonstwie zu kurz Gekommenen geübte Intrigenspiel aller gegen alle, das „Abschießen“ nicht nur im politischen, sondern ebenso auch im beruflichen Bereich, daher die Schwierigkeiten, ein öffentliches Amt noch sachlich auszuüben, daher auch die Anfälligkeit unseres öffentlichen Lebens gegenüber der Korruption aller Spielarten.