Von Fritz Blättner

Man spricht viel und laut von den Schülernöten und den Schulnöten der Eltern. Es ist an der Zeit, von der Not der Schule zu sprechen, weil jene Nöte in dieser ihren Grund haben. Die Klagen über unnötige Reformen, über die Strenge der Anforderungen, über sinnlose Verschiedenheiten in den Ländern, über den Modus der Zulassung und Auslese gehen in der Tat je nur um einzelnes, sie sehen nicht, daß die Schule in eine Not geraten ist, die weder mit Methodik noch mit Organisation zu meistern ist. Die Öffentlichkeit sollte Art und Ausmaß der Not kennen, damit sie ihre Klagen auf Recht und Unrecht prüfen kann.

Es hat sich in dreißig Jahren alles geändert: die Jugend, die Gesellschaft, die Wissenschaft, die Bildung, die Wirtschaft. Die Schule hat nach Lehrplan und Methode noch die Gestalt (seit 1945 restauriert), die ihr die pädagogischen Reformbewegungen um 1925 gegeben haben. Die Wandlungen in Jugend und Gesellschaft, im Verhältnis der Geschlechter und der Generationen, im Verhältnis der Bildung zu den Einzelwissenschaften haben aber die Schule fast unmerklich mitverwandelt – ohne daß diese Wandlungen bis jetzt als Aufgaben erkannt oder gar gemeistert wären.

Daß die Jugend heute geringere Begabung mitbrächte, ist behauptet, aber nicht bewiesen worden. Daß sie anders ist als vor dreißig Jahren, ist leicht zu bemerken. Dem Kind, das am Anfang des Jahrhunderts seinen Schulweg ging, begegnete zuweilen ein Pferdewagen, sonst aber alltäglich Bekanntes, heimisch Vertrautes. Das weiche Wachs der Seele erfuhr sanft und tief wirkende Eindrücke; grundlegende Erfahrungen mit Menschenund Verhältnissen sanken tief ein und beharrten für das Leben. Das Kind der heutigen Großstadt, ja auch der Kleinstadt und des Dorfes erluchst auf dem Schulweg schnell und sicher den Augenblick des freien Übergangs über die Straße, es hat den Klang des letzten Rundfunkschlagers im Ohr, es weiß um den Film auf dem Spielplan; es hat in dieser Woche zu anderen Zeiten Unterricht als in der nächsten; die Mutter ist berufstätig und überläßt das Kind dem Hort oder den Nachbarn, anstatt es in die schützende Familie zurückzuholen. Ist es da ein Wunder, daß die Psychologen nervöse Labilität feststellen, die Unfähigkeit, ruhig bei einer Sache zu bleiben, zum Ausgleich dafür aber eine erstaunliche Schnelligkeit und Präzision des Reagierens auf Reize, Luchsäugigkeit und Wendigkeit?

Diese Veränderung in der Jugend hat eine schon immer fragwürdige Wirkweise der Schule bedenklich überwuchern lassen: das Zensuren- und Prüfungswesen. Doch um zu verstehen, wie das Notenwesen zur Geißel wurde, muß zuvor noch einer sozialen Wandlung gedacht werden. Um 1900 gab es ein Bürgertum, das auf Besitz und Bildung gegründet war. Seine Söhne waren es, die die Schulen besuchten. Heute sind Besitz und Bildung meist nicht mehr beisammen, die Unternehmer gehören nicht immer der Bildungsschicht an und die Gebildeten sind nicht immer beachtliche Steuerzahler. Die große Vernichtung der Vermögen durch zwei Inflationen und durch die Vertreibung von Millionen aus Heimat und Besitz hat bewirkt, daß die Schule für die Mehrheit der Eltern in verhängnisvoller Weise an Bedeutung gewann: die Lebenschance, die sie ihren Kindern bisher in der Form von Vormögen, Haus und Hof, Geschäft und Verbindungen bieten konnten, besteht nicht mehr, die Schule stellt nunmehr die einzige Lebenschance dar. Darum die unerhörte Schärfe des Kampfes um die Zulassung zu den Schulen, daher die immer wachsenden Zahlen der sich um Zulassung Bewerbenden, darum die immer erregtere Mahnung der Eltern: Du mußt, du mußt... Darum auch der steigende Druck der Parteien und Gruppen auf den Staat und die Schule. Niemand erträgt es, von dieser Chance ausgeschlossen zu werden, weil sie die einzige zu sein scheint.

Das hat verhängnisvolle Folgen für die Schule. Auch die Unbegabten drängen herein, die Schülerzahlen steigen an: ein zwiefacher Grund für eine zwiefache Veränderung in der Schule. Zuerst sinkt das Niveau, und es wandelt sich die Schularbeit von innen heraus. Jeder vermag zu erkennen, daß mit wachsender Zahl die Zahl der Unbegabten relativ stärker anwächst als die Zahl der Begabten, die ja konstant bleibt. Jeder sieht auch ein, daß das Gewicht dieser Unbegabten nach unten zieht.

Aber das Schlimmste ist dies: für die schwachen und mittleren Schüler bedeutet Schule und Bildung heute nur noch Jagd nach Zensuren, die das Vorrücken oder das Reifezeugnis sichern sollen. Zwei Drittel aller Schüler lernt und hetzt von „Arbeit“ zu Arbeit und wird (von der Angst der Eltern) von Note zu Note gehetzt. Mehr als die Hälfte aller Schüler hat Nachhilfestunden nötig, weil die Zensuren nicht genügen. Man spürt den verbissenen Willen der Eltern, sich dem Verdikt der Schule auf Nichtgeeignet nicht zu beugen, und ihren Kindern den Aufstieg in die höhere oder das Verbleiben in der eigenen sozialen Schicht zu sichern. Welch ein zäher und grausamer Kampf hier dauernd tobt, das machen sich die Eltern nicht klar, weil jeder nur den eigenen Fall, die selbst erlittene Unbill, die gerade bei ihren Kindern so schreiende Ungerechtigkeit der Lehrer sieht. Die Elterngruppe aber, der es um den Aufstieg geht, die also selbst die für die Kinder erstrebte Bildung nicht kennt, versteht an der Schule nichts, buchstäblich nichts als die Zensur und das Zeugnis. Alles andere, was Lehrer und Gebildete als das Wesentliche ansehen: die stille Hingabe an die Welt des Geistes, ist für sie nicht vorhanden, und damit zumeist, auch für ihre Kinder unverständlich. Die Schule wird zu einem Notierungs- und Prüfungsapparat. Die Lehrer, die klagen, daß ein Gespräch über das Wesentliche aus der Begegnung mit den großen menschheitlichen Gedanken heraus immer seltener zustande kommt, erscheinen als weltfremde Träumer. Man bejaht den „Pauker“, weil man ihm ohne Scham das Versagen des Sprößlings zur Last legen kann. In dieser Apparatur setzt sich nun wieder der Typus der Luchsäugigen, der schnell und sicher Reagierenden durch, der sich eine eigene Moral mit Mogelreglement geschaffen hat – eine charakterliche Prägung bedenklicher Art!