Entdeckungen abseits europäischer Reisewege

Von Karl Grebe

Die Liparische Inselgruppe vor der Küste Siziliens ist am Ende des Jahres mehrfach von schweren Erdstößen heimgesucht worden. Die schwersten Erschütterungen wurden von Lipari, der größten der Inseln, und auf Salina, der zweitgrößten, gemeldet. Eine Kirche, aus der sich die Betenden noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, und mehrere Häuser stürzten ein. Italienische Kriegsschiffe aus Messina und Palermo sind zur Hilfeleistung eingetroffen. Auch der Vulkan Stromboli auf der gleichnamigen Insel, der zu der liparischen Inselgruppe gehört, brach zum dritten Male in diesem Jahr aus. „Der Ausbruch rief jedoch keine Panik hervor, da die Lavamassen ihren gewohnten Weg zur See nahmen“, hieß es in der ersten offiziellen Meldung. Von den Menschen, die ihren Wein auf der Lava bauen, und ihren winzigen Inseln fernab von den Heerstraßen der Touristen, berichtet der folgende Artikel:

Es war eine neue Sonne, die nach kurzer Nacht dem Meer enttauchte und eine rotgoldene Spur zu unserem Schiff „Panarea“ zog. Ein Delphin sprang durch sie hindurch, als wollte er ankündigen, daß dieser und die kommenden Tage unter dem Gesetz des Meeres stünden. – Gegen Mittag sprach es sich herum und die Passagiere eilten mit ihren Feldstechern zum Bug: Land war in Sicht gekommen, ein matt-dunkler Kegel.

Stromboli, Vulkan im Meer! Einzigartiger Ort, wo die unterirdische Glut sich in den Sonnenraum ergießt und dann im Meer verlöscht, wo tellurische und solare Kräfte sich im Schnittpunkt der grenzenlosen Wasserebene begegnen. Wie stark mußte dieser Ort von jeher die Phantasie beschäftigen und wie wunderlich vermischen sich für uns die uralten Mythen des Vulkanismus mit den modernen Mythen rivalisierender Filmstars. Und ließ nicht auch der große Fabulierer Jules Verne die drei Helden, die er von einem Krater Islands aus auf die Reise zum Mittelpunkt der Welt schickte, in Stromboli wieder das Sonnenlicht erblicken, unverhofft und glückhaft emporgetragen von geduldiger Lava!

Wir sind nah herangekommen. Die Insel kehrt uns ihre vulkanische Seite zu, eine gebirgshohe schwarze Schutthalde, auf der sich Lava, glühendster Auswurf, langsam abwärts schiebt. Unten fallen einzelne Schollen zischend ins Meer, oben hängt Rauch unterm Gipfel, und nun sehen wir es auch: der Vulkan lebt, er spuckt ein kleines gelbliches Wölkchen aus, durch das ein paar schwarze Klumpen wirbeln.

Die Szenerie verschiebt sich, die „Panarea“ umfährt eine Landzunge, das Lavafeld verschwindet und die vegetative Seite von Stromboli öffnet sich uns. Eine Bucht tut sich auf, eingesäumt von gleißend schwarzem Sand, darauf die schneeweißen Würfel der Häuser und darüber, den Hang hinauf, grüne Rebgärten. Eine graphische Landschaft in Schwarz, Weiß und Grün. „Das ist ja Afrika“, schießt es mir durch den Kopf.