Das Börsenjahr 1954 war zu gut; die Aufwärtsentwicklung der Kurse hätte sich wohl besser über zwei Jahre verteilt.“ Das ist die Meinung, die Direktor Hans Rinn, Vorstandsmitglied der Hamburger Kreditbank, nach der letzten Sitzung der Hanseatischen Wertpapierbörse während eines Silvesterempfangs seines Instituts vertrat. Eine solche Ansicht aus dem Munde eines eingefleischten Börsianers zu hören, mag seltsam sein; doch wer die Bemühungen der Banken um eine Kurskonsolidierung verfolgt hat und dabei gleichzeitig die oft hektischen Aufwärtssprünge einzelner Papiere sah, der weiß, daß hier ein echtes Bedauern über einen Zustand zum Ausdruck kam, um dessen Beseitigung in naher Zukunft nicht ernsthaft genug gerungen werden kann; er heißt: Materialmangel. Es fehlt an den deutschen Wertpapierbörsen das flottante Material, dessen Vorhandensein ungesunde Bewegungen bremsen kann.

Durch die Herabsetzung der Spekulationssteuerfrist von 12 auf 3 Monate, die der Privatkundschaft ein höheres Maß an Bewegungsfreiheit gibt, wird eine gewisse Entlastung eintreten. Da sich jedoch 70 bis 80 v. H. aller deutschen Aktien in Händen von Unternehmen, Körperschaften oder sonstigen juristischen Personen befinden und diese größtenteils ihre Wertpapierbestände zum Steuerkurswert vom 31. Dezember 1948 zu Buch stehen haben, kann eine entscheidende Wendung nicht eintreten. Angesichts der ungewöhnlichen Steigerungen bei den Aktienkursen in den letzten Jahren käme es einem steuerlichen Selbstmord gleich, falls man diese Bestände veräußern wollte, denn die inzwischen angestauten Gewinne unterlägen voll der Steuer. Basierend auf der Tatsache, daß die Kurse per 31. Dezember 1948 in Anbetracht der besonderen Verhältnisse nach der Währungsreform mit einer echten Bewertung nichts gemein hatten, wird seit Jahren ein Gesetz über die steuerfreie Heraufschreibung dieser Kurse gefordert. Die Berechtigung dieses Gesetzes wird nirgends mehr bestritten, nur über die Wahl des neuen Zeitpunktes (31. Dezember 1949, 31. Dezember 1950 oder 31. Dezember 1951) konnte noch keine Einigung erreicht werden.

Für den Erfolg und den Umfang künftiger Kapitalerhöhungen wird die baldige Verkündung des geforderten Gesetzes keineswegs gleichgültig sein. Rinn nannte auch den Grund: sehr viele Großaktionäre sind nicht in der Lage, ohne weiteres von den auf sie entfallenden Bezugsrechten Gebrauch zu machen und so ihren prozentualen Einfluß zu erhalten. Diese Gruppen werden also Positionslösungen in anderen Wertpapieren vornehmen müssen, was selbstverständlich bei der jetzigen Steuergesetzgebung völlig indiskutabel ist. Gelingt es, wenigstens einen Teil der eingefrorenen Pakete freizubekommen, dann werden die zu erwartenden Kapitalerhöhungen schon für eine Kurskonsolidierung sorgen, die in allen am Kapitalmarkt interessierten Kreisen – auch zum Nutzen der Aktionäre selbst – für dringend erforderlich gehalten wird. K. W.