Wien, Anfang Januar

Die mit der größten Neugierde erwartete Wiener Premiere des Jahresendes war ohne Zweifel die Dramatisierung von „Don Camillo und Peppone“ durch Walter Firner. Vierzig Annahmen konnte dieses Werk bereits vor seiner Uraufführung am Theater in der Josefstadt buchen, darunter solche für New York, Stockholm und Oslo. Nun, nach dem Start, fragt man sich, ob es bei diesem Welterfolg der im Sack gekauften Katze bleiben wird. Denn die Presse war in diesem Falle recht unfreundlich – was übrigens den Feiertagskartenverkauf nicht beeinträchtigt hat.

Die Dramatisierung der Guareschi-Geschichten ist ein nahezu unlösbares Problem. Bekanntlich war Don Camillo von Haus aus ein rein journalistisches Produkt. Der Chefredakteur des „Candido“ schrieb diese Episoden Woche für Woche nieder, um den Hunger seiner Leserschaft nach dem „piccolo mondo“ des Miniaturdorfes in der Poebene zu stillen. Das Buch, in dem er dann die besten dieser Anekdoten vereinigte, war ein literarisches Mosaik. Schon die Verfilmung war ein Wagnis. Immerhin gelang es, die lockeren Episoden durch Gestalten wie Fernandel und Gino Cervi zusammenzuhalten. Wie aber sollte man diesem losen Gefüge eine dramatische Idee einhauchen, eine Entwicklung, stark genug, um einen ganzen Theaterabend zu tragen? Daran scheiterte der Wiener Bearbeiter und Regisseur Firner. Der naheliegende „Einfall“ des Dramatisierers bestand darin, daß er die beiden Unversöhnlichen am Ende doch noch versöhnt. In der Schlußszene wird durch die Stimme des an seinem Kruzifix hängenden Heilands (!) offenbar, daß bei den letzten Gemeindewahlen Peppone für die Democristiani gestimmt hat, der Pfarrer aber für Peppone.

Ein Koexistentialistendrama somit, geschrieben in der einzigen Stadt der Welt, in der West und Ost noch an einem gemeinsamen Ratstisch sitzen. Selbst wenn Guareschi von seiner Kerkerzelle aus keinen Einwand gegen die Bearbeitung erhoben hat – so war doch dies alles gar nicht gemeint! Sein Held war ohne Zweifel dieser Dorfpfarrer, der, auf einem nahezu verlorenen Posten kämpfend, dennoch nicht den Mut verliert. Als der Film eine nicht ungefährliche Verwässerung des ursprünglichen Konzepts brachte, mußte sich der protestierende Guareschi von Duvivier sagen lassen, er habe eben sein eigenes Werk nicht verstanden. Firner ging auf diesem bedenklichen Weg desBesserwissens noch einen Schritt weiter.

Ein erlesenes Ensemble wie dasjenige des Josefstädter Theaters lieh allerdings der von Firner selbst inszenierten Aufführung starke Leuchtkraft. Paul Hörbiger war allerdings mehr ein niederösterreichischer Querkopf als ein Dickschädel aus der Poebene; aber doch mitunter von einer Lebensklugheit und Melancholie, die dieser durch Fernandel scheinbar festgelegten Gestalt neue Züge einfügt. War der Pfarrer eher im Weinviertel an der Donau daheim, so ist sein Gegenspieler Hermann Erhart eindeutig bajuwarischen Ursprungs. Die Kreuzung zwischen derbem Gepolter und entwaffnender Gutmütigkeit half jedoch immerhin einer vollsaftigen Figur zum Leben. Leopold Rudolf sprach die Worte des Gekreuzigten und machte durch seinen subtilen Tönereichtum diese höchst geschmacklose Episode beinahe trägbar.

Jean von der Tonne

In dem sonst so konservativen Burgtheater ist inzwischen das Werk eines jungen Autors ein kräftiger Erfolg geworden: Harald Zusaneks „Jean von der Tonne“. Der Autor, mit der „Straße nach Cavarcere“ so rasch bekannt geworden, kann darin allerdings dem Burgtheater bieten, wonach es verlangt und was ihm die Jungen nur selten zu geben vermögen: die großen Massenentladungen, die feingliedrige dramaturgische Verzahnung eines Dreißig-Personenstücks und die harten dialektischen Auseinandersetzungen. Während im Hintergrund der terroristische Schlußakt der französischen Revolution vorbeiwettert, steht im Vordergrund jener private Jean, dem man seines Leibesumfanges wegen den Spitznamen „von der Tonne“ verliehen hat.