In einer Ansprache vor hohen Reichswehroffizieren erläuterte der Chef der Heeresleitung, General von Hammerstein-Equord, am 21. Mai 1932 in Berchtesgaden das SA-Verbot, das wenige Tage nach der Wiederwahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten auf dem Wege der Notverordnung – gemäß Artikel 48 der Reichsverfassung – vollzogen worden war. Hammerstein-Equord nannte dieses Verbot „unglücklich“. Die Aktion sei rein innen- und parteipolitisch gewesen und habe daher die Überparteilichkeit der Wehrmacht verletzt. Daß es so weit kommen konnte, sei Schuld von SA-Unterführern, die sich in Pommern geweigert hätten, am Grenzschutz teilzunehmen.

An einer anderen Stelle der Rede, die Generalleutnant Liebmann handschriftlich aufgezeichnet hat, wobei er diese Niederschift zum Teil später ergänzte, wird unter dem Stichwort „Polen“ erwähnt: „Sorge nie los. Nach wie vor akut, Pilsudski vernünftig, hat auch noch Macht. Aber wenn er stirbt, ist Gefahr akut; Gefahr für Ostpreußen besteht, noch mehr für Danzig.“

Diese von Liebmann überlieferten Stichworte, wiedergegeben in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte (2. Jahrgang, 4. Heft, Seite 424/425) erhalten einen ganz besonderen Akzent durch die Darstellung, die in den nachgelassenen Schriften des Freiherrn Erwin von Aretin enthalten is. („Krone und Ketten“, im Süddeutschen Verlag.) Aretin berichtet auf Seite 78 über den Erfolg der NSDAP bei den Landtagswahlen vom 24. April 1932 und fügt dann hinzu:

„Dabei hatte sich gerade in jenen Tagen etwas enthüllt, was, wenn Brüning auch nur ein Zehntel der Propagandatüchtigkeit Hitlers und Goebbels gehabt hätte, ihre Partei vernichten mußte. Zum Schutze Ostpreußens gegen einen polnischen Einmarsch hatte die Reichswehr Vorsorge getroffen und die sogenannten nationalen Verbände einschließlich der SA in den von Waffen und Munitionsdepots an der Grenze gestützten Grenzschutz eingereiht. Nun wollte es der Zufall, daß ein nationalsozialistischer Geheimbefehl aufgefunden wurde, wonach im Falle eines polnischen Einmarsches die SA sich der ihr erreichbaren Waffendepots zu bemächtigen, aber durchaus nicht gegen Polen, sondern gegen Königsberg zu marschieren hätte, unter Verweigerung jeder Waffenhilfe, die nicht unter dem höchsten Oberbefehl Hitlers angeordnet werde. Mit anderen Worten, die Brüder wollten einen feindlichen Einmarsch für ihre Zwecke ausnutzen. Ein Fall von geplantem Landesverrat, wie ihn wohl die Geschichte keines europäischen Landes kennt. Jetzt war bei der Reichswehr natürlich Feuer unter dem Dach.“

Der Geheimbefehl an die SA war von der preußischen Polizei bei Haussuchungen beschlagnahmt worden. In seinem Buch „Von Weimar zu Hitler“ (Europa-Verlag, New York, 1940) zitiert der ehemalige preußische Ministerpräsident Otto Braun hierzu eine Äußerung Hitlers auf einer Wahlversammlung in Lauenburg (Pommern), nahe der polnischen Grenze. Hitler sagte damals, kurz vor den preußischen Landtagswahlen im April 1932, nach dem Bericht von Braun: „Wenn man seiner Partei vorwerfe, daß sie sich einstweilen weigere, die deutschen Grenzen zu schützen, so müsse er allerdings sagen, daß er seine Kämpfer nicht für das System opfern wolle, sondern die Grenzen erst dann schützen werde, wenn zuvor die Träger des heutigen Systems vernichtet seien.“

In einer Versammlung im Berliner Sportpalast hielt Braun diese Äußerung Hitler vor, unterließ jedoch die Enthüllung der Hintergründe mit Rücksicht auf die deutsche Außenpolitik, genauer gesagt, mit Rücksicht auf die für den 26. April angesetzten Verhandlungen in Genf über die Revision des Versailler Vertrages. Ein Vorschlag Brünings und Groeners – die einschränkenden Bestimmungen über die deutsche militärische Ausrüstung aufzuheben, die zwölfjährige Dienstzeit der Reichswehr auf fünf Jahre herabzusetzen und zusätzlich zur Reichswehr eine „Miliz“ von 100 000 Mann jährlich mit einer Ausbildungszeit von acht bis zwölf Monaten zu unterhalten – hatte Aussicht, in Genf von den Alliierten angenommen zu werden. Da der ostpreußische Verteidigungsplan samt den Waffendepots, auf die es die SA abgesehen hatte, den Versailler Bedingungen widersprach, wurde über den Geheimbefehl in der Öffentlichkeit Stillschweigen bewahrt. Aretin, damals Innenpolitiker der Münchner Neuesten Nachrichten, erfuhr nach seiner eigenen Darstellung von der Affäre kurz vor dem 10. April telephonisch durch den Berliner Vertreter seiner Zeitung. Brüning hatte allerdings gebeten, wegen der Revisionsverhandlungen zum Versailler Vertrag (zunächst in Genf und später in Lausanne) über den SA-Geheimbefehl nichts zu bringen, denn eine Diskussion über die vorbereitete Verteidigung Ostpreußens gegen Polen könne sich sehr ungünstig auswirken.

Haussuchungen nach dem SA-Verbot vom 13. April förderten dann weiteres landesverräterisches Material zutage. Aretin schreibt: „Da entstand den Nazis in letzter Stunde ein Retter in der Gestalt Oskar von Hindenburgs, der ... Interesse daran zu haben schien, Brüning zu stürzen und mit Hilfe der Nazis den ganzen Osthilfe-Komplex dann zu vertuschen. Da auch alle Nachbarn Neudecks mitbetroffen waren, so hatte Oskar hier seine natürlichen Helfer. Gelang es, den alten Hindenburg von Berlin nach Neudeck zu schaffen, so war er von der Erregung um den flagranten Landesverrat abgeriegelt und ganz in den Händen der Ostpreußen-Verschwörung gegen Brüning. Es gelang natürlich. Vorher aber geschah das Einzigartige, daß der Hauptschreier gegen den Hitlerschen Landesverrat mundtot gemacht wurde, indem man Groener, den Reichswehrminister, am 12. Mai in die Wüste schickte, und Schleicher Reichswehrminister wurde ... Der bevorstehende Leipziger Landesverratsprozeß war ein um so gefährlicheres Unterfangen, als Hitler von vornherein erklärte, daß er, wenn es zu diesem Prozeß käme, auf die Interessen der deutschen Landesverteidigung nicht die geringste Rücksicht nehmen, sondern Dinge erzählen würde über Kriegsvorbereitungen der Reichswehr, die die ganze Außenpolitik Brünings von rückwärts erdolchen würden. Es konnte also sehr wohl, wenn man schon nicht den Mut fand, Hitler auf diese Erklärung hin sofort vor Gericht zu stellen und innerhalb 24 Stunden nach dem Urteilsspruch, der nicht fraglich sein konnte, erschießen zu lassen, die Frage erörtert werden, ob das „nationale Interesse“ nicht doch die Vermeidung des Landesverratsprozesses empfahl. Und ausgerechnet Schleicher, der die Aufdeckung des Skandals betrieben hatte, stellte sich, als ihm dafür der Posten des Ministers winkte, auf diesen Standpunkt. Groener, der sich widersetzte, wurde gezwungen zu gehen, und alles war wieder in schönster Butter. Was dem alten Hindenburg erzählt wurde, um diesen wirklichen Zusammenbruch jeden Rechtsgefühls ihm plausibel zu machen, weiß wohl nur sein Sohn Oskar. Daß der Kanzler Brüning dieses tolle Intrigenspiel nicht lange überleben durfte, war klar. Dafür sorgten in Neudeck Hindenburgs in Osthilfesachen schwer kompromittierte Nachbarn, die ihre Gefährdung dem Feldmarschall aus der Feindschaft Brünings gegen den Großgrundbesitz und seinem Kokettieren mit bolschewistischen Gedankengängen erklärten ... Daß Brüning keinen Weg fand, Hitlers Landesverrat propagandistisch auszuschlachten, hat ihm letzten Endes sein Amt gekostet.“ Soweit Aretin.