Frankfurt (Main), im Januar

Ein Paraffinklotz von der Größe einer Buttercremetorte – das war Otto Hahns „Atombrenner“, als er im Jahre 1939 die entscheidenden versuche über die Spaltung des Urans durch Neutronen im Max-Planck-Institut in Berlin-Dahlem dachte. Ein kleiner Holztisch (er wird auf der Ausstellung „ATOM“ gezeigt, die zur Zeit in Frankfurt aufgebaut ist und dann in Hamburg, Hannover, Bremen, Köln, Stuttgart und München zu! sehen sein wird) genügte für die Apparate und die Anordnungen der Hahnschen Versuche.

Ist nicht der Einfall noch viel wichtiger als die Apparatur? Eine abwegige Frage, sollte man meinen, aber der Holztisch und der Paraffinklotz sind nicht zu übersehen. Gewiß, die heutige Experimentiertechnik, die die Aufgabe hat, Wege für die Erschließung der Atomenergie zu weisen, braucht kostspielige Anlagen. Nicht nur in der Atomphysik gilt; dieses Gesetz; von der Stickstoffsynthese im Labor Professor Habers bis zum Beginn der großtechnischen Herstellung mußte Carl Bosch Millionen für Versuchsanlagen aufwenden. Am Anfang steht aber immer die schöpferische Idee.

Zurück zum Atombrenner Der Meiler von Oak Ridge steht in Frankfurt in einem maßstabsgetreuen Modell in natura und symbolisch zugleich neben dem Paraffinklotz Otto Hahns. Techniker in schwefelgelben Schutzanzügen beschicken ihn mit Uranstäben und zeigen durch verschieden tiefes Eintauchen einer Borstahlstange, wie in Oak Ridge die Temperatur geregelt wird.

Ein transportables Atomkraftwerk – ebenfalls in der Ausstellung zu sehen – kann, in Einzelteile zerlegt, sogar durch Flugzeuge in unwirtliche und unzulängliche Gegenden der Erde gebracht werden. Dieses genormte Kraftwerk ist mehr als eine Spielerei, denn die Zeit mag nicht mehr fern sein, in der solche Kraftwerke von Siedlern im nördlichen Kanada oder einer anderen unerschlossenen Gegend nach Katalog bestellt werden.

So wichtig die Atomenergie als Ersatz für Kohle oder Wasserkraft auch werden mag, für den Wissenschaftler, der sich um die friedliche Anwendung der Atomenergie bemüht, ist der Atommeiler vor allem wichtig, weil er in diesem Meiler Isotopen von zahlreichen Elementen erzeugen kann. Die radioaktiven Isotopen sind Wegweiser, ihr Weg und ihr Verbleiben in einem Körper, in einer Pflanze läßt sich mit Hilfe des Geigerzählers oder eines photographischen Films genau feststellen. Der Mediziner prüft zum Beispiel auf diese Weise die Schilddrüsenfunktion und gewinnt dadurch Anhaltspunkte für Diagnose und Therapie, der Tierphysiologe stellt fest, wie sich beim Mastvieh die Fettsubstanzen ablagern, und der Metallurg kann über die Beständigkeit einer Schweißnaht viel Genaueres aussagen, wenn er radioaktive Isotopen zur Verfügung hat. Der Vorgeschichtsforscher schließlich holt sich zuweilen einen erfahrenen Atomphysiker, wenn er wissen will, aus welcher Zeit die Balkenreste einer versunkenen Kultur stammen.

Diese vielfältigen Anwendungsmethoden radioaktiver Isotopen werden leider auf der Atomausstellung etwas summarisch behandelt. Immerhin wird im chemischen Laboratorium in praktischen Versuchen das Ticken des Geigerzählers, sein Ansprechen auf strahlende Isotope sinnfällig demonstriert. Über die Empfindlichkeit der Nachweismethoden unterrichten die vorgeführten Kontroll- und Meßgeräte; Hauptanziehungspunkt aber sind die sogenannten „magischen Hände“, eine mechanisch komplizierte Apparatur: Zangen werden über Gestänge bewegt und manipulieren hinter durchsichtigen, mit Wasser gefüllten Schutzwänden mit chemischen Geräten. So wird der experimentierende Wissenschaftler vor den schädlichen Strahlen der Substanzen geschützt.