Von Christian E. Lewalter

Am 2. Februar ist es zehn Jahre her, daß der Mann, der zum Regierungschef nach dem Sturz Hitlers ausersehen gewesen war, Carl Goerdeler, aus seiner Zelle im Kellergefängnis der Prinz-Albrecht-Straße nach Plötzensee transportiert und dort hingerichtet wurde. Am Tage darauf trafen amerikanische Sprengbomben das Gebäude des „Volksgerichtshofs“ und töteten den Präsidenten Freisler, der Goerdeler fünf Monate zuvor zum Tode verurteilt hatte. Fünf Monate in der Zelle, ausgefüllt mit unablässiger Arbeit an Denkschriften und Entwürfen für den wirtschaftlichen und politischen Aufbau Deutschlands nach dem Kriege – im Auftrage einer Goerdeler unbekannten hohen Stelle, vermutlich Himmlers, der in jenen Monaten seinen Abfall von Hitler vorbereitete und sich der albernen Hoffnung hingab, die Alliierten würden ihn als Verhandlungspartner akzeptieren. Unfähig zu eigenen Konzeptionen, wollte er sich den Siegern mit Goerdelers außen- und innenpolitischen Programmen präsentieren und hielt darum die Vollstreckung des Todesurteils auf. Goerdeler wiederum nutzte die Frist, um im ständigen Angesicht des Todes sein politisches Vermächtnis abzufassen – gewiß nicht ohne Hoffnung, das Ende des Krieges werde ihm noch rechtzeitig die Befreiung bringen. Der Befehl zur Hinrichtung, vom Justizminister Thierack veranlaßt, machte diese Hoffnung zuschanden.

In welch großem Ansehen muß Goerdelers konstruktiven Geist auch bei seinen Todfeinden gestanden haben, wenn sie solche Hilfe von seinen Plänen erwarteten! Aber auch bei den Männern der Opposition, sowohl bei den Generälen wie bei den Sozialisten, hat man Goerdeler für den gegebenen Leiter einer zukünftigen deutschen Politik gehalten, obwohl er, der Oberbürgermeister von Leipzig und Preiskommissar unter Brüning, niemals einen führenden Regierungsposten innegehabt hatte. Worauf beruhte die Stärke seiner Ausstrahlung als Persönlichkeit? Gewiß zunächst einmal darauf, daß er ein Könner war, daß er den ganzen Aufgabenkreis eines modernen Staatsmannes überblickte und durchdrang. Dann auf der Uneitelkeit seines Auftretens, dem bei aller Liebenswürdigkeit und Umgänglichkeit doch alles Posierende fehlte. Wer mit ihm zu tun hatte, merkte sogleich: ihm bedeutete die Sache alles, die eigene Geltung nichts; es war die Tradition des preußischen Beamtentums, aus dem er stammte. Aber über all das hinaus bestimmte ihn ein tief eingewurzelter und unzerstörbarer Glaube, der wohl gleichfalls mit der preußischen Tradition zusammenhängt: der Glaube an die in der Geschichte waltende Vernunft, die sich à la longue gegen jede Störung durchsetzt, und sei es auch ein solcher Ansturm der Unvernunft, wie ihn der nationalsozialistische Führerstaat darstellte.

Dieser Glaube schließt jeden Machtdrang aus. „Natürlich lebte in Goerdeler jener Ehrgeiz, etwas Großes zu vollbringen, ohne den keine bedeutende politische Tat gelingt. Aber sicher ist doch, daß in diesem Ehrgeiz sehr viel mehr moralisches Pflichtgefühl als persönliches Machtstreben steckte.“ So formuliert es jetzt Goerdelers erster Biograph, der zugleich Mithandelnder gewesen ist und mit der Methode des kritischen Historikers auf die Zeit des Widerstandes zurückblicken kann:

Gerhard Ritter, „Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung“. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. (630 S., 4 Abb., Leinen, 19,80 DM)

Man kann Goerdelers Kampf und Untergang nicht schildern, ohne die ganze Geschichte der Verschwörung gegen Hitler in Erinnerung zu rifen und neu zu deuten. Ritter ist dieser Notwendigkeit nicht ausgewichen. Sein Buch beweist, daß inneres Beteiligtsein und forscherliche Gerechtigkeit einander nicht im Wege zu stehen brauchen und daß es sehr wohl möglich ist, auch „nahe Geschichte“ sub specie der wissenschaftlichen Redlichkeit zu schreiben, sofern der Historiker sich dazu erzogen hat, Tatsachentreue und Sinn für das Mögliche als Maßstäbe seiner Darstellung anzulegen.

Ritters Darstellung, weitumschauend und großzügig, hat diesen Realismus. So wenig sie Goerdeler über Gebühr glorifiziert, so sehr läßt sie der anderen Gruppe der Verschwörer, der militärischen, Gerechtigkeit widerfahren, ja, der deutschen Generalität des zweiten Weltkrieges überhaupt. Man wird künftig Ritters Buch immer dann zu Rate ziehen müssen, wenn es sich darum handelt, das Verhalten dieses oder jenes Generals während der Hitlerzeit zu verstehen – und man wird sich daraufhin vor Generalisierungen hüten. „Daß es vielen der ‚Goldbetreßten‘ an echter Zivilcourage in kr.tisichen Momenten gefehlt hat, daß oft ihre politische Einsicht nicht zureichte oder durch privaten Ehrgeiz verdunkelt wurde – wer könnte das leugnen? Aber ist nicht der starke Charakter immer und überall das Seltenste unter den Menschen? Außergewöhnlichen Zeiten wie denen des Hitlerreichs gewachsen zu sein, erfordert schon ein übernormales Maß von sittlich-geistiger Kraft, aber auch von politischer Einsicht.“