New York, im Januar

In dieser größten Stadt der Welt dürfte gut eine Viertelmillion deutschsprachiger Menschen leben. Es liegt also jedenfalls nahe, daß es für sie auch ein deutschsprachiges Theater gibt. (Buenos Aires zum Beispiel hat bei sehr viel geringerer deutscher Bevölkerung ein ständig und gut spielendes deutsches Theater). Tatsächlich bekam New York schon vor hundert Jahren eine ständige deutsche Bühne, und zeitweise spielten sogar zwei solche Theater und beinahe alle berühmten Namen der deutschen Schauspielkunst waren hier zu Gast. Kainz und Matkowsky, die in Deutschland niemand am gleichen Abend auf einer Bühne gesehen hat, spielten in New York zusammen in Goethes „Clavigo“. Aber im Jahre 1917 riß die Kriegserklärung plötzlich diese Entwicklung ab, und die unselige Aufspaltung der deutsch sprechenden Menschen während der Hitlerzeit machte vollends ein deutsches Theater hier unmöglich. Im letzten Jahrzehnt hat es nur einzelne deutsche Vorstellungen gegeben, bei denen ein Wiener Theatermann mit Namen F. G. Gerstmann unter der Firma „Players Of Abroad“ namhafte deutsche Schauspieler der Emigration auftreten ließ. Bassermann und die Bergner haben wir da noch gesehen.

Nun aber haben die neuen Verleger der „New Yorker Staatszeitung“, die ihren Besitzer gewechselt hat, den Plan gefaßt, wieder eine ständige deutsche Bühne ins Leben zu rufen. Sie mieteten, für bestimmte Tage wenigstens, den schönen Theatersaal des Hunter College (das Hunter College ist das größte und vornehmste Mädchen-College in New York). Die geschäftliche Leitung liegt in den Händen des Herrn Gerstmann. Leider hat man keine Publikumsorganisation geschaffen, um das Unternehmen zu tragen; nicht einmal ein Abonnement scheint aufgelegt zu sein. Der ewig unsichere Kassenerfolg soll das Ganze erhalten. Aber jedenfalls startete das Unternehmen am Sonntag nach Weihnachten.

Eröffnungsstück dieses deutschen Nationaltheaters war erstaunlicherweise die wohlbekannte Komödie „Spiel im Schloß“ von dem Ungarn Franz Molnar. Es wird viele praktische Gründe für die Wahl dieses brillant gemachten und technisch einfachen Lustspiels geben. Einen ideellen Akzent können die freilich doch nicht ersetzen.

Als Attraktion hatte man für die Darstellung den in Berlin einst sehr beliebten Komiker Siegfried Arno aus Hollywood kommen lassen. Er spielte den etwas ältlichen Mimen, der mit der Braut des jungen Komponisten eine Liebelei anfängt, und brachte die Komik dieser Rolle zu drastischer Wirkung. Aber zu einer gröberen, primitiveren als eigentlich dem Stil Molnars entspricht, der auch im Scherz das menschlich Ernsthafte nie ganz verläßt. Von dieser schwebenden Anmut hatte die ganze (von Rudolf Weiss geleitete) Aufführung nur wenig.

Das Deutsche Theater in New York hat als zweite Aufführung Gerhart Hauptmanns „Biberpelz“ angekündigt. Im Mai will es sich sogar an Schillers „Don Carlos“ wagen. Julius Bab