Funde bei der Lektüre von 1911 Urteilen – Zum Ende unseres Preisausschreibens

Von Paul Hühnerfeld

Werden Romane, Schauspiele, Gedichte oder Kurzgeschichten für die Schublade geschrieben oder für die Leser? So selbstverständlich, wie jeder darauf antwortet, daß der Schriftsteller für den Leser schreibe, so bedenklich stimmt manchen die logische Folgerung aus dieser Selbstverständlichkeit: daß nämlich, wenn beispielsweise eine Kurzgeschichte geschrieben sei, der erste Kritiker dieser Arbeit der Leser sei – niemand anders. Aber das kann der Leser doch gar nicht beurteilen, heißt es dann, das muß man dem Berufskritiker überlassen! Und als nächste Vokabel fällt das Wort vom „Massengeschmack“, dem man ein „Kunstwerk“ ausliefere.

Wie denn: Massengeschmack? Es gibt eine Massenpsychologie: ihre Gesetze treten dann in Kraft, wenn eine große Menge Menschen zusammen angesprochen wird und auf bestimmte Weise reagiert; das Spezifische der Reaktionen besteht gerade darin, daß dieselben Menschen auf denselben Reiz ganz anders reagieren würden, hätte man sie allesamt einzeln angesprochen.. Genau dies ist im Preisausschreiben der ZEIT geschehen: Wir haben unsere Leser um ihr Urteil zu 16 vorgewählten Kurzgeschichten gebeten und unsere Leser haben ihre einzelnen, selbständigen, sorgsam überlegten Meinungen abgegeben – insgesamt fast zweitausendmal. So haben wir unsere 16 Autoren dem kompetentesten Gremium gegenübergestellt, das es für sie gibt: einem Gremium kritischer, aber gutwilliger Leser. Ihr Urteil dürfte nicht nur für die 16 und alle anderen schöngeistigen Schriftsteller, sondern ebenso auch für Verleger, Buchhändler und Literaturkritiker das weitaus interessanteste Urteil sein, das über moderne deutsche Prosa in den letzten Jahren gefällt worden ist.

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Zu den Schlagworten unseres deutschen literarischen Lebens von heute gehört es, zu behaupten, daß es ein solches Leben gar nicht gäbe. Für alle Schlagworte schlägt einmal die Stunde, wo sie als Schlagworte entlarvt werden: das hier zitierte kann keiner mehr ernst nehmen, der in unsere Leserurteile Einblick hatte.

Ist die Zahl von genau 1911 Urteilen allein schon imponierend – man bedenke: 1911 Menschen haben sich hingesetzt und alle 16 Geschichten wahrscheinlich mehrere Male gelesen, bedacht und das Bedachte dann auch niedergeschrieben, meist begründet und den Brief in den Postkassen gesteckt – so besticht mehr noch der Inhal: vieler Urteile. Aus manchen geht hervor, daß man sich über die Feiertage in der Familie und im Freundeskreis zusammengefunden und beraten hat, daß man also stundenlang nicht über neue Möglichkeiten der Steuersenkungen, sondern über neue deutsche Literatur diskutierte. Es war eigenartig, auf dem Firmenbogen einer Lederfabrik oder einer Vertretung für Textilien statt gewöhnlicher Nachfragen oder Offerten Abhandlungen über den Stil Ulrich Bechers oder den Aufbau der Kurzgeschichte „Stille hat keine Wände“ von Hermann Stahl zu finden. Junge und alte Menschen haben geurteilt: viele höhere Schulklassen (vor allem Mädchenschulklassen) schickten Urteile, da sie auf Anraten ihrer Lehrer das Preisausschreiben verfolgt hatten. Allen Urteilen ist gemeinsam: ein echtes Bemühen um moderne Prosa, viel guter Wille gegenüber schwierigen oder noch nicht ausgereiften Texten, große Offenheit gegen alle Probleme, wenn sie nur echt und ehrlich vorgetragen werden.