Im Stadium der Zwischenlösungen

Von Armin Spitaler

Der wachsenden Bedeutung steuerrechtlicher Fragen im modernen Leben haben wir mehrfach, zuletzt durch die Veranstaltung des zweiten Forums der Zeit (Nr. 43 vom 28. Oktober 1954) Rechnung getragen. Es hat sich ergeben, daß die Möglichkeiten der Ausbildung im Steuerrecht heute hauptsächlich nur in der Praxis bestehen, dagegen nicht in einem angemessenen Umfang an den deutschen Hochschulen. Wir haben daher Herrn Prof. Dr. jur. Armin Spitaler, Ordinarius für deutsches und internationales Finanz- und Steuerrecht an der Universität Köln, gebeten, zu diesem für die deutsche Wirtschaft und für das deutsche Rechtsleben hochbedeutsamen Problem Stellung zu nehmen.

Es ist gewiß auffallend, daß das Steuerrecht, das für die weitesten Kreise der Bevölkerung infolge der Höhe der Steuern eine so große Bedeutung gewonnen hat, an unseren Hochschulen noch eine verhältnismäßig bescheidene Rolle spielt. Eltern, die große Opfer für das Studium ihrer Kinder bringen, können oft nicht verstehen, daß ihr Sohn, der Rechtswissenschaften studiert, selbst im 5. und 6. Semester noch nicht einmal imstande ist, während der Semesterferien seinem Vater bei der Verfassung einer Steuererklärung zu helfen oder ihm eine Verhandlung über eine strittige Frage beim Finanzamt abzunehmen.

Als Hochschullehrer des Finanz- und Steuerrechts möchte ich dazu zunächst in ganz unmißverständlicher Weise folgendes sagen: Es ist unmöglich, daß sich der Bildungsgang des Studenten allein nach der praktischen Bedeutung der einzelnen Fächer ausrichten könnte. Es wäre vollkommen verfehlt, wenn man dem Steuerrecht allein wegen seiner praktischen Bedeutung im Zuge der hochschulmäßigen Ausbildung auf Kosten der Grundwissenschaften einen verhältnismäßig breiten Raum einräumen wollte. Die Universitäten und sonstigen Hochschulen sind keine Anstalten, die nur oder in der Hauptsache nur Wissensstoff zu vermitteln hätten. Dies könnte man in allen Wissenszweigen getrost den Fachschulen überlassen. Wir Hochschullehrer müssen unser ganzes Gewicht in unseren Lehrveranstaltungen auf etwas anderes legen. Uns muß es sich immer in erster Linie um die möglichst gründliche geistige Schulung unserer Kommilitonen handeln. Wir müssen in unseren Vorlesungen, Seminaren und Übungen das Schwergewicht auf die lebendige Darstellung des Denkstils unserer Fächer legen, wir müssen die methodisch richtige Denkschulung in den Mittelpunkt unserer Veranstaltung stellen und müssen alles tun, was überhaupt möglich ist, um unsere Hörer zum richtigen, scharfsinnigen, sicheren, genauen und dabei gewandten Denken zu erziehen. Denn wir haben den Studenten gründlich mit der Fähigkeit auszurüsten, später mit dem so geschulten Geist sich selbst ohne fremde Hilfe immer weitere Stoffgebiete aufzuschließen, und zwar so aufzuschließen, daß er in eigener Arbeit bis zu ihrer souveränen Beherrschung vordringen kann. Von keinem Hochschullehrer kann auch nur in Zweifel gezogen, geschweige denn bestritten werden, daß die Entwicklung geistiger-Fähigkeiten Zweck und Ziel des Hochschulstudiums ist; der vermittelte Wissensstoff hat nur die Funktion des Hilfsmittels zur Entwicklung der erwähnten Fähigkeiten zu erfüllen. Wenn dabei der Wissensstoff etwas praktisch so Bedeutsames wie das Steuerrecht ist, so kann dies nur erwünscht sein.

Das Wichtigste: Grundausbildung

In einer jahrhundertealten Erfahrung hat sich gezeigt, daß der Hochschulbetrieb nur dann richtig ist, wenn er die sogenannten Grundwissenschaften in einem ganz besonderen Maß betont. Für den Juristen sind die Grundwissenschaften unverrückbar das bürgerliche Recht, vor allem der Allgemeine Teil des bürgerlichen Rechts, der ja die unverzichtbaren Grundlehren des juristischen Denkens enthält, ferner das Strafrecht und das Staatsrecht, einschließlich des Allgemeinen Teils des Verwaltungsrechts. Für den Betriebs- und den Volkswirt sind die feststehenden Grundlagen die Betriebswirtschaftslehre und die Volkswirtschaftslehre. Demgegenüber hat man das Steuerrecht als eine „Wissenschaft in einem der oberen Stockwerke des Wissenschaftsgebäudes“ bezeichnet, und dieses Bild scheint mir durchaus treffend zu sein. Man muß sich sehr gründlich und längere Zeit hindurch in den unteren Stockwerken, also in den Grundwissenschaften im eben umschriebenen Sinne umgesehen haben, um zum Steuerrecht aufsteigen zu können. Die Ausbildung im Steuerrecht setzt die allgemeine rechtliche und wirtschaftliche Grundausbildung unabdingbar voraus. Es kann die Ausbildung im Steuerrecht niemals die Grundausbildung auch nur teilweise ersetzen, und es darf die festere Eingliederung des Steuerrechts in den Hochschulbetrieb nicht die Ausbildung in den Grundwissenschaften schmälern. Ich pflege daher an jedem Semesterbeginn meine Hörer mit dem Appell zu begrüßen, meine Vorlesungen, mein Seminar und meine Übungen nur dann zu belegen und zu besuchen, wenn dieses nicht auf Kosten des Besuchs der Lehrveranstaltungen in den Grundwissenschaften geht. Wer ein Hochschulstudium zurücklegt, muß sich ja doch ein höheres Ziel setzen, als nur ein flacher Routinier zu werden, der bei der Beurteilung jeder nicht alltäglichen Frage unsicher wird und stolpert.