Der spanische Thronprätendent Prinz Juan von Bourbon war kaum in sein portugiesisches Exil von dem Zusammentreffen mit Franco auf dem Jagdschloß Las Cabezas zurückgekehrt, als der Caudillo die Frage der Monarchie in seiner Neujahrsbotschaft anschnitt. Sollte die Monarchie – so hieß es darin vieldeutig – jemals wieder hergestellt werden, so werde dies nicht die Auferstehung jener Fehler und Schwächen bedeuten, die im 19. Jahrhundert ihren Untergang vorbereiteten. Die Stimmung des Prätendenten wird durch dieses Orakel kaum verbessert worden sein. Es scheint eher geeignet, seine Zweifel in die vieldeutigen Versicherungen zu vermehren, mit denen der Caudillo die Hoffnungen der spanischen Royalisten hinzuhalten weiß.

Der Prätendent, der dem Diktator zum zweitenmal in sieben Jahren begegnete, ist eine tragische Figur. 18jährig, als sein Vater Alfons XIII. unter Vorbehalt seiner Rechte das Land verließ, stellte er sich nach Ausbruch der Revolution zweimal den Aufständischen Francos zur Verfügung, wurde aber jedesmal abgewiesen. Ob Franco mit Vorbedacht oder uneigennützig dem Prinzen den Rat gab, dem Bürgerkrieg fernzubleiben, werden die Historiker zu entscheiden haben. Sicher ist, daß er hiermit sich selbst den Weg zu den höchsten Würden freihielt. Don Juan, das fünfte Kind Alfons XIII., der zum Haupt der spanischen Bourbonen und Erben ihrer Ansprüche bestimmt wurde, geriet dann im Exil immer mehr in Gegensatz zu jenen Kräften in Spanien, für die Partei zu ergreifen, er vergeblich versucht hatte. Nicht gerade von den klügsten Ratgebern umgeben, in der britischen Royal Navy dienend, entglitt ihm Trumpf auf Trumpf im Kampf um die Restauration. Was nützte ihm der Anhang der Royalisten, was die Beendigung des dynastischen Erbzwistes mit den Carlisten, die nunmehr seiner Person zuschworen, angesichts der wachsenden Abneigung der eigentlichen Herren Spaniens, Francos und der Falange, die bald versteckt, bald offen Don Juan als „nicht tragbar“ bezeichneten.

Aber der Diktator verstand sich auch auf die Placierung von Nebenfiguren, die geeignet erscheinen, die Ungewißheit über die Thronaussichten des Prätendenten zu vermehren. Er gestattete dem älteren Bruder Juans, dem taubstummen Don Jaime, seine Söhne in Spanien aufwachsen zu lassen: Nachdem ihr Vater unter dem Einfluß seiner zweiten Frau, einer Berliner Schauspielerin, seinen Thronverzicht zurückgenommen hat, könnten auch Don Jaimes Söhne Träger von Ansprüchen werden. Schließlich sorgte Franco für eine vielsagende Namensübertragung in der eigenen Familie: Der Sohn seiner Tochter, der Marquesa von Villaverde, wird nicht deren erheirateten Familiennamen Martinez, sondern den des Großvaters Franco führen. Was immer diese Geste bedeutet, bei den spanischen Legitimisten ruft sie Erinnerungen an Ungarn wach, das ebenfalls ein Königreich ohne König blieb. Sollte Franco den Plan liegen, der dem ungarischen Reichsverweser Admiral Horthy nachgesagt wurde, nämlich die Reichsverweserschaft erblich werden und vielleicht sogar in eine neue Monarchie übergehen zu lassen? Wird der Enkel Francisco Francos wie einst der Enkel Nikolaus von Horthys die Ehren eines „Kindes der Nation“ erhalten?

In Las Cabezas hat der Thronprätendent dem Diktator seinen letzten Trumpf überantwortet, den Infanten Don Juan Carlos, seinen erstgeborenen Sohn aus der Ehe mit Maria Mercedes von Bourbon-Sizilien. Der Caudillo hat dem Enkel Alfons XIII., der am 5. Januar sein 17. Lebensjahr vollendete, alle fürstlichen Ehren zugesichert. Er wird einen eigenen Haushalt mit einem Zivil- und einem Militärgouverneur erhalten. Seine Erziehung – zwei Jahre Militärdienst, zwei Jahre Technikum, zwei Jahre Universität – wird der Vorbereitung auf ein Amt dienen, das der Prinz auf Grund des von Franco für seine Nachfolge erlassenen Gesetzes übernehmen kann, wenn er das 30. Lebensjahr erreicht hat. In frühestens dreizehn Jahren, wenn Franco am Leben bleibt, können sich die Hoffnungen der Bourbonen erfüllen. Für diese halbe Zusage hat der Thronprätendent einen bitteren Preis zahlen müssen: den Verzicht auf den eigenen Thronanspruch, den Verzicht auf die Förderung einer Propaganda, die dem Regime Francos gefährlich werden könnte, den Verzicht, die Erziehung des künftigen Kronprinzen nach anderen als den Richtlinien Francos zu ordnen. Der Kronprinz wird nicht, wie es sein Vater beabsichtigte, in England seine Ausbildung vollenden. Die Restauration wird, wenn überhaupt, nach den Bedingungen Francos stattfinden. v. Studnitz