Dekan der medizinischen Fakultät in Straßburg traute seinen Ohren nicht, als sich eines Morgens vor Beginn des Wintersemesters im Jahre 1905 der dreißigjährige Direktor des Theologischen Studienstifts, Albert Schweitzer, Doktor der Philosophie und Lizentiat der Theologie, bei ihm melden ließ und ihm erklärte, er wünsche sich als Student der Medizin immatrikulieren zu lassen. Ein junger und schon namhafter Gelehrter, dessen kühne und wegweisende Deutung des Lebens Jesu als eines messianischen Opferganges überall lebhaft diskutiert wurde, der ferner, wie man wußte, soeben eine umfangreiche Geschichte der Leben-Jesu-Forschung – eine Biographie des modernen Geistes in seiner Spannung zwischen kritischer Wissenschaft und Glauben also – abgeschlossen hatte, der zudem ein Orgelspieler von europäischem Ruf war und dessen französisch geschriebenes Buch über Johann Sebastian Bach von den Kennern mit überraschter Anerkennung aufgenommen worden war – ein solcher Mann, eine Zierde mehrerer Wissenschaften und der Musik, wollte noch einmal von vorn anfangen „Ich würde Sie am liebsten meinem Kollegen von der Psychiatrie überweisen“, sagte der Dekan. Aber er ließ doch den Namen Albert Schweitzer in die Matrikel der medizinischen Fakultät eintragen.

Das ist nun fünfzig Jahre her. Die Welt war geordnet. Kleine Störungen, Kriege etwa wie der zwischen Rußland und Japan, regulierten sich bald wieder. Der weiße Mann hielt das Zepter fest in der Hand. Das kulturelle Leben gedieh – gedieh in solchem Maße, daß man meinte, es könne nichts Unerwartetes mehr geschehen. Das Dasein schien spannungslos geworden zu sein. „Ach was, wir sind ja alle nur Epigonen!“ sagte jemand eines Abends beim jour fixe im Berliner Hause des großen Archäologen Ernst Curtius, in dem auch Albert Schweitzer verkehrte. Den jungen Theologen bestürzte das Wort. Er faßte den Plan, ein Buch mit dem Titel „Wir Epigonen“ zu schreiben und die Genügsamkeit der Intelligenzschicht aufzuscheuchen.

Er hat das Buch nicht geschrieben. Aber die Ungenügsamkeit blieb in ihm wach. Darum hat er sich trotz aller frühen und glänzenden Erfolge nicht einordnen wollen in die Welt von 1905 und sich nicht mit ihrer Perfektion abfinden können.

Schweitzers Protest stammte nicht aus Skepsis und Kritik. Er ist in einer frühen Erfahrung begründet: „In meiner Jugend habe ich Unterhaltungen von Erwachsenen mitangehört, aus denen mir eine beklemmende Wehmut entgegenwehte. Sie schauten auf den Idealismus und die Begeisterungsfähigkeit ihrer Jugend als auf etwas Kostbares zurück, das man sich hätte festhalten sollen. Zugleich aber betrachteten sie es als eine Art Naturgesetz, daß man das nicht könne. Da bekam ich Angst, auch einmal so wehmütig auf mich selber zurückschauen zu müssen. Ich beschloß, mich diesem tragischen Vernünftigwerden nicht zu unterwerfen

Der dreißigjährige Schweitzer brauchte sich wahrhaftig nicht vorzuwerfen, daß er mit seinem Pfunde nicht gewuchert habe. Aber das eigentümlich Große an ihm ist: er hat sich an seinen unzweifelhaften und reich bewährten Talenten als Forscher, als Lehrer, als Künstler und als Interpret nicht genügen lassen, obwohl doch schon diese Vielfalt von Begabungen und Leistungen Auszeichnung und Ruhm genug gewesen wäre. All dies lag für ihn noch im Bereich dessen, was von ihm verlangt wurde. Er aber wollte mehr tun, als ihm zuzumuten war. Man kann das nur mit einem Worte der religiösen Sprache bezeichnen: er wollte das Selbstverleugnende tun. Das, was ihm nicht „von Natur“ mitgegeben war, sondern nur „durch Gnade“ verwirklicht werden konnte.

Es war ein freier Entschluß, und er faßte ihn, wie er sich selbst genau erinnert, während der Pfingstferien im Jahre 1896, die er in seinem elsässischen Heimatdorf Günsbach verbrachte, „beim Erwachen an einem strahlenden Sommermorgen“. Er war damals einundzwanzig Jahre alt, Student der Theologie und Organist. „Während draußen die Vögel sangen, wurde ich mir in ruhigem Überlegen mit mir selbst eins, daß ich mich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr für berechtigt halten wollte, der Wissenschaft und der Kunst zu leben, um mich von da einem unmittelbaren menschlichen Dienen zu weihen

Der Besuch beim medizinischen Dekan war, neun Jahre später, der erste Schritt zur Ausführung des Entschlusses. Ein Zufall hatte die Richtung angegeben: in den grünen Blättern der Pariser Missionsgesellschaft war geklagt worden, daß die Kongomission nicht genug Mitarbeiter habe. Sich als Missionar zu melden, hätte für Schweitzer nahegelegen, und alle seine Freunde rieten ihm dazu, wenn er denn schon unbedingt die Laufbahn des Gelehrten und Künstlers aufgeben wolle. Aber gerade dagegen rebellierte Schweitzers Gewissen. „Was haben die Weißen aller Nationen mit den Farbigen getan? Was bedeutet es allein, daß so und so viele Völker da, wo die sich mit dem Namen Jesu zierende europäische Menschheit hinkam, schon ausgestorben oder im Aussterben begriffen sind? Wer beschreibt die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die sie im Laufe der Jahrhunderte von den Völkern Europas erduldet haben?“ Das Gelübde des Studenten kann nur als sühnendes Opfer erfüllt werden. „Für jeden, der Leid verbreitete, muß einer hinausgehen, der Hilfe bringt. Und wenn wir alles leisten, was in unseren Kräften steht, so haben wir nicht ein Tausendstel der Schuld gesühnt.“