Überall sorgen sich liebende Eltern um das Wohl ihrer besonders begabten Kinder. (Die Kinder liebender Eltern sind immer besonders begabt.) Die Sorgen sind jedoch in England besonders groß, nicht weil hier die Eltern ihre Kinder mehr lieben als anderswo. Der Weg der Kinder jedoch muß mit großer Sorgfalt entweder durch die Schulen des Wohlfahrtsstaates hindurch oder (nicht minder sorgfältig) um diese Schulen herumgeführt wer; den, und ein solches Navigationsunternehmen erfordert eingehende Spezialstudien. Das englische Schulwesen läßt sich mit einem Dickicht vergleichen: Zunächst wuchs alles wild durcheinander, dann wurde da ein bißchen gerodet, dort etwas neu gepflanzt, hier eine Schneise gehauen, daneben ein Weg angelegt. Was dabei herauskam, war aber nicht – wie die Planer und die Optimisten gehofft hatten – ein leicht zu bestellender Garten, sondern eher einer jener Irrgärten, wie sie englischen Aristokraten des 18. Jahrhunderts als Geduldsspiele im Freien dienten und in denen selbst der Kundige sich nur mit Mühe zurechtfinden konnte.

Nur in England habe ich es erlebt, daß Eltern wochenlang und unter Einbeziehung aller Verwandten und Bekannten beratschlagen, welche Schule für ihren Sohn (oder ihre Tochter) wohl am geeignetsten sei – wobei das Ungewöhnliche freilich vor allem darin liegt, daß der junge Mann, um den all diese Sorgen und Pläne kreisen, zu der Zeit, wo die Familienräte tagen, noch nicht ganz ein Jahr alt ist. Ja, es wird glaubhaft versichert, daß in manchen Fällen Kinder schon vor ihrer Geburt in die Aufnahmelisten einer public school eingetragen werden, damit sie nur ja eine Chance haben – ein auch deswegen nicht ganz risikoloses Verfahren, weil diese Schulen streng nach Geschlechtern geschieden sind.

Wer sich auch im Gesellschaftsleben einer Ideologie der „Planwirtschaft“ verschrieben hat, mußte die Situation im englischen Schulwesen als Herausforderung empfinden. Da gab es neben den staatlichen, halbstaatlichen und privaten Schulen nach Schulen der Städte und Schulen der Grafschaften, außerdem wie in Deutschland Landschulen und Aufbauschulen, Oberschulen, Realschulen und Gymnasien, Schulen für Jungen oder für Mädchen oder (selten) für beide, dann aber auch Schulen für Kinder unter fünf, Schulen für Fünf- bis Zehnjährige, Schulen für Zehn- bis Vierzehnjährige, Schulen für alle Altersstufen von vier bis achtzehn. Kaum zwei dieser Schulen waren sich wirklich gleich; keine größere Gruppe hatte einen einheitlichen Lehrplan. Und in Schottland und Nordirland war alles noch wieder ein bißchen anders. Jeder konnte (und kann noch heute) eine Schule aufmachen; jeder konnte (und kann noch heute) an einer Schule unterrichten.

Die Reform, die mit dem Unterrichtsgesetz von 1944 einsetzte, wurde daher im allgemeinen freudig begrüßt. Die neuen Bestimmungen schienen so einfach und vielversprechend: Jedes englische Kind geht zunächst sechs Jahre zur Grundschule (primary school) und anschließend fünf Jahre zur höheren Schule (secondary school). Drei verschiedene Typen der höheren Schule werden geschaffen: die (bisher als einzige secondary school bereits bestehende) grammar school, die zu den geistigen Berufen und zur Universität führt; die secondary technical school zur Vorbildung von Ingenieuren und Technikern; die secondary modern school als höhere Bildungsgrundlage für das Berufsleben schlechthin. Die Zuweisung zu diesen Schulen erfolgt auf Grund einer Prüfung, die eine sachliche Diagnose der besten Entwicklungsmöglichkeiten, eine Art Berufsberatung darstellen soll. Ein Kultusministerium wird geschaffen, um die Durchführungsbestimmungen im einzelnen zu regeln.

Auf dem Papier sah das alles wunderschön aus. Aber die „Durchführungsbestimmungen im einzelnen“, die eigentlich nur der Ordnung halber im Gesetz noch erwähnt waren, bewirken, daß der Kultusminister der am wenigsten beneidete Mann der britischen Regierung geworden ist. Da Aufbau dankbarer ist als Zerstörung, hatten die Reformer neue Schultypen gegründet, ohne die alten rigoros abzuschaffen. Es wurde daher nicht ein kompliziertes System durch ein einfacheres ersetzt, sondern einer alten Ordnung wurde eine neue überlagert. Neue Komplikationen traten zu den vorher schon ausreichend vorhandenen. Die fünf Jahre höherer Schulbildung bedeuteten eine Heraufsetzung des schulpflichtigen Alters von vierzehn auf sechzehn; das aber hieß Fabriken und Werkstätten veröden lassen, während die durch den Geburtenüberschuß ohnehin schon überfüllten Klassenzimmer einfach niemand mehr aufnehmen konnten. Selbst als man sich bei der Durchführung des Gesetzes im Jahre 1947 zunächst darauf beschränkte, das schulpflichtige Alter nur auf 15 zu erhöhen, mußte an vielen Orten der Unterricht in Baracken und Nissenhütten stattfinden.

Doch das sind Schwierigkeiten, die man vielleicht „technischer Art“ nennen könnte. Viel entscheidender ist, daß sich die neuen Schulen bis heute noch nicht durchgesetzt haben, daß für die meisten Eltern die secondary modern school die alte Volksschule geblieben ist, der man nur einen neuen Namen gegeben hat. Die einzige „richtige“ höhere Schule bleibt – nach weitverbreiteter und nicht immer unberechtigter Ansicht – die grammar school. Damit aber verliert die Auswahlprüfung, die offiziell Common Entrance Examination heißt, in der Regel aber als „Elf-Plus-Examen“ bezeichnet wird (es ist nach Vollendung des 11. Lebensjahres abzulegen), den Charakter einer sachlichen Diagnose oder einer wohlwollenden Berufsberatung und wird gerade das, was sie nicht sein sollte: das einzige Tor zu einer „anständigen“ Schulbildung (von einer kleinen Seitenpforte abgesehen, über die noch zu reden sein wird). „Elf-Plus“ ist also nicht, wie geplant, ein Wegweiser auf dem Schulweg des englischen Kindes geworden, sondern ein schreckenerregendes Hindernis. „Das ganze Leben unserer Kinder wird an einem einzigen Tage entschieden. Was hilft die freie höhere Schule, wenn von hundert, die ihr zustreben, nur zehn sie erreichen (und unser Kind unter den anderen neunzig ist)! Lieber würden wir auf die Schulgeld- und Lehrmittelfreiheit verzichten, wenn wir dagegen die Freiheit eintauschen könnten, selber unseren Kindern eine geeignete Schule aussuchen zu dürfen“, so klagen viele Eltern. Wobei die Klage freilich, da es sich um englische Eltern handelt, meistens nur in gedämpfter Form an das Ohr der Öffentlichkeit klingt: Not really quite what we expected – eigentlich nicht ganz das, was wir uns vorgestellt hatten.“

Das gefürchtete, umstrittene, entscheidende Elf-Plus-Examen ist eine ausschließlich schriftliche Prüfung und besteht aus drei Teilen: einer Prüfung des sprachlichen Ausdrucksvermögens, einigen Rechenaufgaben und einem Intelligenztest. Die Prüfung kann nicht wiederholt werden, sondern führt unmittelbar für einige Glückliche zur grammar school, für manche zur secondary technical school, für die meisten zur secondary modern school. Die zahlenmäßige Verteilung richtet sich dabei nach den im jeweiligen Kreis zur Verfügung stehenden Schulen.