Aus der Rede, die die Frau des Botschaftsrats Schlitter auf der Weihnachtsfeier der deutschen Botschaft in London gehalten hat (siehe DIE ZEIT vom 6. 1. 1955) ist eine Affäre entstanden, durch die sich Frau Schlitter hoffentlich gewarnt fühlen wird. Aber außer dem bereits kritisierten Passus dieser Rede sind in dieser Affäre einige Daten von Interesse.

Am 20. Dezember fand die Feier statt, auf der Frau Schlüter, wie es heißt, vom-feindlichen Ausland sprach, ohne zu bemerken, daß sie gleichzeitig vor dem feindlichen Inland stand. Am 30. Dezember erschien der erste kritische Artikel in der „Frankfurter Rundschau“. Am 31. Dezember kam im Daily Sketch die erste englische Darstellung des Vorfalles heraus unter dem Titel: What did Frau Daisy say?“ Von hier aus geriet die Angelegenheit in die Weltpresse. Aus dieser Zeittafel, wird eines klar, daß hier nämlich eine Intrige gespielt worden ist, deren Ursprung nur beim Personal der deutschen Botschaft in London gesucht werden kann. Die deutsche Kolonie war zu der Feier nicht eingeladen. Von Engländern war nur der englische Chauffeur der Botschaft anwesend. Es ist völlig unwahrscheinlich, daß er die „Frankfurter Rundschau“ benachrichtigt haben sollte. Die Alarmierung der Öffentlichkeit muß also aus Kreisen der deutschen Botschaft erfolgt sein. Einige Bundestagsabgeordnete, die mit Briefen und Anrufen aus London überschüttet worden sind, könnten hier leicht Auskunft geben. Und das Motiv? Ôte-toi de là que je m’y mette, heb dich hinweg, damit ich mich auf deinen Platz setzen kann. Es ist der alte, zuerst vor der französischen Julirevolution formulierte Satz, der ein Fundament aller Revolutionen bildet.

Aber haben wir denn eigentlich heute in der Bundesrepublik eine Revolution? War es nicht der Fehler unserer Nachkriegsgeschichte, daß die erwartete deutsche Revolution durch die Besatzungsmächte unterdrückt worden ist? Unsere Revolution hieß: Fragebogen. So wurde sie statistisch durchgeführt. Einige waren sehr vorsichtig bei der Ausfüllung der Formulare, andere taten es nach der Maxime, die Erich Kästner so vorzüglich in Verse gebracht hat: „Und als er sich dann wiederfand, da war er auch beim Widerstand.“ Was für eine Waffe, um Leute von ihren Posten zu entfernen und sich selber an ihre Stelle zu setzen: ôte-toi de

So gibt es denn bei uns eine Menge Leute, die in den ersten Jahren nach dem Kriege auf Grund ihrer richtig oder falsch ausgefüllten Fragebogen schnell’ zu Stellen gekommen sind, die sie sonst vermutlich nicht erreicht haben würden. Einige von ihnen haben sich bewährt, andere nicht. Sie alle aber müssen heute ihre Position verteidigen. Denn inzwischen ist die Fragebogenpsychose abgeklungen. Diejenigen, die in der Nazizeit Verbrechen begangen haben, die nach dem deutschen Strafrecht geahndet werden müssen, sind zum großen Teil ihren Richtern nicht entgangen. Sogenannte Gesinnungsdelikte aber, wie Mitgliedschaft in der Partei oder ihren Gliederungen, haben heute nicht mehr das Gewicht, das sie in den Jahren nach dem Kriege hatten. Jetzt drängen diese Leute, die so lange ausgeschaltet waren, auf ihre alten Plätze. Abermals heißt es: ôte-toi de là que je m’y mette!

Welches Kampfmittel gibt es nun für beide Seiten, das Erfolg versprechen könnte? Die Intrige! Wahrscheinlich hat es seit dem zweiten Jahrhundert n. Chr., der Zeit der antoninischen Kaiser in Rom, keine Epoche gegeben, in der Intrige und Verleumdung in Politik und Wirtschaft eine solche Rolle gespielt haben wie heute in der ganzen sogenannten westlichen Welt, insbesondere aber aus den obenerwähnten Gründen in der Bundesrepublik und wohl am stärksten in Bonn. Drei Besatzungsmächte sind dort auch heute noch vertreten. Wie wunderbar läßt sich bei ihnen eine gegen die andere ausspielen. Wie viele Stellen hat die Bundesrepublik eigentlich dank dieses Spiels um- oder neubesetzen müssen? Ôte-toi de là que je m’y mette!

Die deutsche Revolution nach 1945 war von den Besatzungsmächten geleitet und daher nicht echt. So war auch die Vernichtung der Tradition ganz und gar willkürlich. „Haben Sie unter Ihren Vorfahren solche, die einen Adelstitel hatten?“ Das war der angelsächsische Kampf gegen die „Junker“. Man setzte eine privilegierte Kaste unter Druck und wundert sich heute über den recht erfolgreichen Gegendruck, der sich zu Recht oder zu Unrecht der Maxime bedient: ôte-toi de là que je m’y mette!

Aber auch in der Wirtschaft hat der alliierte Druck in der Bundesrepublik zu Erscheinungen geführt, die man ebensogut neo-revolutionär wie auch neo-reaktionär nennen könnte. Das Ausschalten aller Tradition auch auf diesem Gebiet, die bewußte Zerstörung von gewachsenen Zusammenschlüssen bis in die Familienverbände hinein, mußte dazu führen, daß fast alle in der Wirtschaft Tätigen, die alten wie die neuen, sich als nouveaux riches, als Neureiche empfinden, losgelöst aus aller Tradition, nur noch dem einen Ziel verhaftet, so schnell wie möglich zu verdienen. Was da an Kreditschiebungen, an Betrug, an Vernichtung wirtschaftlich schwächerer Partner geleistet worden ist, harrt noch der Darstellung. Der Lobbyismus, der sich in Bonn nach amerikanischem Beispiel breitmacht, dessen Vertreter sich persönliche Vorteile zu verschaffen suchen und die heute bereits einen Teil des Bundestages beherrschen, ist ein bedrohliches Zeichen für diese Entwicklung. Hier, noch stärker vielleicht als anderswo, heißt es: ôte-toi de là que je m’y mette!

Das alles sind Folgen einer verhinderten Revolution. Sie werden erst zu beheben sein, wenn eine neue Generation heranwächst, die heute noch in der Schule, auf der Universität oder in der Lehre ist. Vielleicht erleben auch wir Älteren es noch einmal, daß es dann nicht mehr heißt: ôte-toi de lä que je m’y mette! Richard Tüngel