B. P., Helsinki, im Januar

Eine magische Zahl spielt heute in der finnischen Wirtschaft eine große Rolle: die „105“. Jedermann kennt sie, alle wissen, daß sie sozusagen den roten Gefahrenstrich auf dem Zifferblatt des Preisdruckmanometers bedeutet. Denn als man 1951 in den fetten Zeiten der Korea-Konjunktur, als die Zellstoffpreise in den Himmel wuchsen, die Löhne an den Index der Lebenshaltungskosten band, da bestimmte man, daß, wenn dieser Index die Zahl 105 erreicht, automatisch allgemeine Lohnerhöhungen eintreten sollten ...

In den letzten Monaten hat sich herausgestellt, daß das gar nicht so dumm war. Vermutlich war diese Maßnahme viel glücklicher, als man 1951 ahnen konnte. Denn eine Lohnerhöhung würde – und auch das weiß jedermann – die berühmte Spirale der einander abwechselnden Lohn- und Preiserhöhungen in Bewegung setzen. Würde der Lebenshaltungsindex also auf 105 steigen, so wüßte das ganze finnische Volk: jetzt beginnt die Inflation (in welchem anderen Lande der Welt weiß man das so genau?). Folglich tut die Regierung alles, um eine Steigerung der Preise auf 105 zu vermeiden. Sie ist also gezwungen, einer Inflation rechtzeitig vorzubeugen.

In dieser Zwangslage befand sich die finnische Regierung im Oktober 1954. Am 20. Oktober bildeten die Agrarier und die Sozialdemokraten zusammen die fünfte Regierung Kekkonen und einigten sich dazu auf ein preissenkendes Wirtschaftsprogramm. Man stellte sich das Ziel, bis Jahresende den Lebenshaltungsindex auf 100 zu senken. Das geschah durch eine Abschaffung der Umsatzsteuer für verschiedene Verbrauchswaren, vor allem Textilien und durch Staatszuschüsse für die Landwirtschaft und die Bautätigkeit. Außerdem soll der Zinsfuß um 1 v. H. ermäßigt werden. Heute muß die finnische Industrie für Wechselkredite etwa 10 v.H. bezahlen und arbeitet also entsprechend teuer. Für die Staatsfinanzen bedeutet das Programm, daß etwa 20 v. H. der Umsatzsteuer fortfallen und neue Ausgaben erwachsen. Wie Finanzminister Penna Tervo Ende November mitteilte, wachsen die Staatsausgaben um 15,4 Mrd. Fmk, während gleichzeitig die Staatseinnahmen um 19,5 Mrd. schrumpfen. Das Wirtschaftsprogramm kostet also den Staat insgesamt etwa 35 Mrd. Finmark oder rund 16,6 v. H. des Gesamthaushalts, der sich auf etwa 210 Mrd. beläuft.

Die große Frage ist heute, wie diese Kosten gedeckt werden können. Da die Arbeitslosigkeit praktisch aufgehört hat, spart man etwa 10 Mrd. an Unterstützungen bzw. Arbeitsbeschaffungsmitteln, und die allgemeine Belebung der Wirtschaft dürfte automatisch zu etwa 6 Mrd. Mehreinnahmen führen. Da die Einfuhr steigt, werden auch die Zölle voraussichtlich eine Milliarde mehr einbringen. Weiterwill man durch Sondersteuern für die Aktiengesellschaften etwa 8 Mrd. aufbringen. Anleihen (2,5) und Sondersteuern (z. B. auf Süßigkeiten) sollen den Rest ergeben. Vorausgesetzt, daß die gute Weltmarktkonjunkur für Finnlands wichtigste Ausfuhrgüter (Zellstoff und Papier) anhält – die Ausfuhr lag in den ersten neun Monaten rund 20 v. H. über dem Vorjahrsstand –, kann die finnische Wirtschaftskrise damit als überwunden betrachtet werden. Verglichen mit einer Inflation sind schwierige Staatsfinanzen fraglos das kleinere Übel....