Daß ein Theatermann von solcher konstruktiven Phantasie wie Gustav-Rudolf Sellner die Möglichkeiten des Fernseh-Studios gleich beim ersten Versuch, „auf Anhieb“ sozusagen, virtuos zu nutzen verstehen werde, war zu erwarten; zu befürchten war eher, er werde in seiner strotzenden Vitalität die Chancen der Fernsehkameras überspielen und eine Probe hoher Voltigierkunst bieten. Aber es zeigte sich, daß er für seine erste Fernsehregie genau das rechte Werk gewählt hatte. Carl Orffs, seines bajuwarischen Landsmanns, Schwankoper „Die Kluge“ mit ihrem raffinierten Archaismus zwingt zu Bildszenen von rustikaler Einfachheit, die gleichwohl – wie beim bayrischen Bauerntheater – mit komischen und lyrischen Einzelheiten bis an den Rand vollgestopft sein dürfen gleich einer barocken Dorfkirche. Und diese Spannung zwischen erhabener Märchen-Simplizität und skurriler Bauern-Spielfreude hielt Sellner mit seinen singenden Darstellern von einer Mitte her inne, die nun wohl zugleich orffisch und sellnerisch, nämlich elementar bayrisch ist und – große Kunst. Die Zuschauer, jung oder erwachsen, unbefangen oder kunsterfahren, konnten den ganzen Reiz des Primitiven auskosten, in das sich die Weisheit vom liebenden, über die Macht triumphierenden Geist hier hüllt. Die Bilder waren immer großfigurig, denn Sellner hatte fast ganz auf die „Totale“ verzichtet und sich statt dessen, weil Großaufnahmen von Gesichtern doch nicht allzulange auf dem Schirm stehen dürfen, eine Fülle von ergänzenden, die Musik fördernden Ausschnitten einfallen lassen – so etwa das große Schachbrett, von dem der mürrische König, als sein König von der Klugen matt gesetzt ist, die Figuren herunterfegt, während vor dem Fenster die Strolche den tumben Toren um sein Eselsfüllen prellen. Mit welcher zarten Intensität schwebte dann aber das Antlitz der Klugen (Elisabeth Lindermeier hatte Züge und Stimme dieses Orffschen Symbols der Menschlichkeit) über den Schirm. Kurz: es wurde ein gelungenes experimentum crucis nicht so sehr nur für den Regisseur, als vielmehr für das Fernsehen überhaupt als Medium der Wiedergabe von Werken des Musiktheaters. Denn in einem ist das Auge der Fernsehkamera dem des Zuschauers im Theater überlegen: es kann sich, wenn ein großer Künstler es lenkt, in jedem Augenblick auf das Wesentliche konzentrieren und es in seiner Bedeutung herausheben.

Wir werden sehen:

Donnerstag, 13. Januar, 20.30 Uhr:

Das Fernsehdebut zweier Darsteller von Rang: Ewald Balser und Käthe Gold spielen unter Hanns Farenburgs Regie das Ehepaar Helmer in Ibsens „Nora“.

Mittwoch, 19. Januar, 21.10 Uhr: Beim „Gespräch des Monats“ erörtern Eltern und Vertreter der zuständigen Behörden das „Schulchaos in Deutschland“.

Wir werden hören:

Donnerstag, 13. Januar, 20 Uhr vom NWDR, 2. Programm. West, ferner aus Paris (Inter) und Oslo: