Von Hans Berling-Petersen

Die Mißstände in den Londoner Elendsquartieren haben wir kürzlich in zwei Aufsätzen einer englischen Fürsorgerin dargestellt, die in den Londoner Slums arbeitet. Elendsquartiere dieser Art gibt es in Deutschland kaum mehr. Es wird jedoch die nachfolgende Darstellung des sozialen und moralischen Klimas in einem westdeutschen Obdachlosenheim zeigen, daß dennoch auch bei uns ähnliche Probleme bestehen.

Wenn er etwa noch ein Jahr dort bleiben müßte, würde er es vorziehen, Zyankali zu nehmen oder sich auf andere Weise aus der Welt zu schaffen, meinte Hermann B., als er in der Nacht vom 7. auf den 8. Januar auf seinen einjährigen Aufenthalt im Übernachtungsheim der Hamburger Sozialbehörde in der Neustädter Straße 31 zurückblickte. Er gehört zu der Minderheit der nicht-azozialen Insassen, zu den Wenigen, die nur Not und falsch verstandener Stolz in das Haus getrieben haben, und zu den ganz Wenigen, die es darin lange ausgehalten haben, ohne zu verkommen. „Heim?“ er wandte sich mit einem verächtlichen Ruck ab.

Die Insassen nennen das Asyl Pik-As, warum, wissen sie nicht genau. Die einen meinen, .weil beim Kartenlegen das Pik-As die Krankheits- oder Todeskarte bedeute, andere, weil schon in dem als Wärmeraum verwendeten Vorraum tagaus, tagein Karten gespielt und angeblich auch falsch gespielt wird.

Dieser Vorraum mag etwa 50–70 Quadratmeter groß sein, darin an die zehn lange Bänke, aber sicher hundert Menschen. Sie gehen pausenlos aus und ein, finstere, unrasierte Gestalten, die Fäuste in die klebrigen Fetzen von Mänteln gebohrt, wenn sie überhaupt Mäntel haben. Unter den speckigen Schlägermützen blicken die Gesichter hervor, junge und alte, meist wenig vertrauenerweckend. Viele spielen Karten, andere besprechen die nächsten Unternehmungen, wieder andere begröhlen Zoten. Ein paar sitzen auf der Steintreppe und schlafen. Die Luft ist in jeder Beziehung dick, aber es ist wenigstens warm. Kommt ein Fremder in normal-bürgerlicher Kleidung herein, wird der Haufen unruhig, Rufe nach Zigaretten wechseln ab mit „Hau ab!“, „Raus!“, „Was will der hier?“. Es ist angebracht, sich nicht lange aufzuhalten.

Abends nach 18 Uhr ist das Heim für Neuzugänge geöffnet. In der Anmeldung sitzen in grauen Kitteln zwei bis drei, oft sogar recht freundliche Ordner.

„Kann man hier übernachten?“