Berlin, Mitte Januar

Vor einiger Zeit traf bei dem Sender „Freies Berlin“ ein Brief ein, mit der Maschine geschrieben, ohne Absender und mit dem Poststempel einer hessischen Stadt. Statt einer Briefmarke trug er die Aufschrift „Es wird gebeten, diesen Brief ohne Porto zu befördern, er enthält einen Notschrei aus der Ostzone. Wir können uns Westporto wirklich nicht leisten.“ Das kurze Schreiben lautete: „Für die Ostzone (Sachsen) spreche ich im Namen unendlich vieler die Bitte aus, ob es nicht möglich wäre, die schöne Sendung ‚Hier spricht Berlin‘ den Abendnachrichten um etwa 19.15 Uhr direkt dem Hamburger Sender wieder anzuschließen, wie dies früher der Fall war. Obige Sendung ist über Freies Berlin nicht zu hören, weil der Russe alles stört...“

Ein rettender Strohhalm

Dieser Brief bestätigt zugleich die technischen Sorgen und die redaktionellen Erfolge des Senders Freies Berlin, der am 1. Juni des vergangenen Jahres die Nachfolge des NWDR Berlin antrat. Die begrenzte Ausstrahlung ist den Leuten im Berliner Funkhause durchaus bewußt; aus zahlreichen freiwilligen Auskünften, die sie brieflich und mündlich von Berlin-Besuchern aus der Zone erhalten, wissen sie, daß die irische Athlone-Welle, die sie vom NWDR übernahmen, im allgemeinen nur im Ostteil der Zone gut zu empfangen ist, im Westteil (einschließlich Thüringen) so gut wie gar nicht und übrigens selbst in Berlin nicht überall einwandfrei. Man gibt sich beim Sender keinen übertriebenen Erwartungen in bezug auf den Hörerkreis hin und nimmt darum das Echo aus der Zone, sei es kritisch oder positiv, in jedem Falle freudig zur Kenntnis.

Diese Resonanz gilt fast ausschließlich der Ost-Sendung „Hier spricht Berlin“, an der ein aus NWDR-Zeiten bewährter Mitarbeiterstab mit den Erfahrungen mehrjähriger Praxis arbeitet. Es kommen die Berlin-Besucher aus der Zone, die spezielle Auskünfte einholen oder Anregungen geben oder einfach nur, wie kürzlich ein Bauer aus der Gegend von Kottbus im Nameneines ganzen Dorfes, für die Sachlichkeit und Nützlichkeit des Programmes danken wollen. Hier treffen auch die Briefe aus der Zone ein, ohne Absender und meist in Westberlin aufgegeben, oft ohne Porto und manchmal ohne korrekte Adresse einfach „an den Rundfunk der freien Stadt Berlin“ gerichtet. Da steht dann zu lesen, daß der Sender Freies Berlin von den Zonenbewohnern deshalb gern gehört wird, „weil er in seinen politischen Sendungen objektiv bleibt“, oder: „Lieber SFB, Du bist uns in der DDR noch der rettende Strohhalm, wenn es nicht mehr möglich wäre, Dich zu hören, da sind wir in der DDR lebendig begraben.“

Zwischen der Ost-Redaktion und ihren Hörern in der Zone besteht eine – auf Seiten der Zonenbewohner durchaus spontane – Zusammenarbeit, die bei besonderen Gelegenheiten wie zum Beispiel der Volkskammerwahl am 17. Oktober deutlich zutage trat. Wochenlang vor der Wahl trafen beim Sender Briefe ein mit der Bitte um Verbreitung selbstverfaßter Aufrufe über den Äther, mit genauen Anweisungen: „Am besten vor und nach jedem Nachrichtendienst, und zwar regelmäßig jeden Tag.“ Die Hörer bitten den Sender, „die schwach Gewordenen etwas aufzurichten und ihnen etwas Mut einzuflößen“, und: „Unterstütze uns hier, jetzt in der Zeit der Wahlvorbereitung, allen Träumenden die Augen zu öffnen.“ Der Funk solle, diese Bitte kehrt in allen Briefen wieder, zur Benutzung der Kabinen aufrufen, zur Ankreuzung des Nein-Kreises (bis zum Wahltag war ja das Stimmzettel-Formular unbekannt und die Hoffnung auf die Wahl zwischen Ja und Nein nicht aufgegeben) oder zur Durchstreichung der Kandidatenlisten. Nach erfolgter „Wahl“ trafen dann ausführliche Schilderungen des beschämenden Wahlschauspieles ein, von Wut und Empörung diktierte Berichte, manche mit Skizzen des Wahllokales. Unter diesen Briefen befindet sich auch der Bericht eines Ersten Beisitzers eines Wahlvorstandes, der dem Sender schreibt, „um zu helfen, der freien Welt Klarheit zu geben, wie Millionen deutscher Menschen bei dieser ‚Wahl‘, die keine war, in einer unvorstellbaren Weise vergewaltigt wurden“. Am Schluß der sehr sachlich gehaltenen Schilderung skandalöser Vorgänge heißt es: „Ich erkläre, das Erlebte weder beschönigt noch verschärft wiedergegeben zu haben. Als deutscher Mensch tut mir am meisten weh, daß ich seit 1923 in der KPD in den vordersten Reihen der Arbeiterschaft stets für Menschenrecht, für Würde und Freiheit der Menschen gekämpft habe, und daß viele andere und ich heute noch gezwungen sind, Mitglied der SED zu sein.“

Furcht vor dem „Kampfsender“?