Von Reinhard Hüber

Der sehr beachtete Nah- und Mittelost-Tag 1954 inDüsseldorf (veranstaltet am 25./26. November durch den Nah- und Mittelost-Verein) beschäftigte sich mit den Sorgen um das deutsche Geschäft mit dem Vorderen Orient. Sein Ergebnis in kurzen Worten: bei allen Schwierigkeiten mit fast allen Teilmärkten dieses großen Gebietes denkt niemand daran zu resignieren.

Die Transferschwierigkeiten mit einigen Partnern (Türkei, Iran und auch Ägypten) lassen als Tagessorge manche grundsätzliche Frage etwas im Hintergrund, mit der sich unsere Handelspolitik 1955 aber unausweichlich wird befassen müssen. Zunächst haben die größeren Orientländer einen ausgesprochenen staatlichen Dirigismus verschiedener Intensität (Griechenland, Türkei, Iran, Pakistan, Afghanistan, Ägypten, Irak und selbst Saudi-Arabien); nur kleinere Märkte (Syrien, Libanon) schwimmen als liberale Inseln im Meer der Planungen. Die Stellung des einzelnen deutschen Anbieters – sei es als Exporteur, sei es als direkt exportierender Industrieller – ist also relativ schwach gegenüber zusammengefaßter, gerichteter und preisdrückender Nachfrage. Und immer wieder erweist es sich, daß unsere Konzeption einer liberalisierten Außenwirtschaft nur bedingt verstanden und mitgemacht wird (nicht selten bei Vertragsverhandlungen unter Hinweis auf unsere dirigistische Agrarpolitik), ja, in der Türkei werden jetzt sogar Stimmen der Abkehr von der EZU-Multilateralität zugunsten eines ausgesprochenen Bilateralismus deutlich vernehmbar...

Naturgemäß handelt es sich dabei nie um Grundsatzfragen. Mehr schon spielt ein politisches Moment hinein. Lassen wir den straffen Zentralismus in den meisten Orientländern beiseite, erwägen auch nicht, ob manchmal mehr oder minder diktatoriale Staatsformen den Dirigismus sozusagen zwangsläufig machen. Wesentlicher ist es dagegen, daß alle Nahostländer nicht nur von allen Industriestaaten in wirtschaftlichen Konkurrenz gunstumbuhlt sind, sondern daß sie, im Zerrungsfeld Randasiens und des östlichen Mittelmeers gelegen, im großen Kräftespiel West–Ost erfolgreich politische Trumpfkarten zum wirtschaftlichen Erfolgszweck ausspielen können.

Ausgesprochene Friedensofferten etwa der UdSSR an die Türkei, verbunden mit bilateralen Handelsofferten aus dem Ostblock, zeigen die enge Verknüpfung beider Begriffsreihe des Wortes „Handelspolitik“. Bei uns sind ferner die Verträge vom 2. Dezember, die in Teheran zwischen der UdSSR und Iran unterzeichnet wurden, wenig beachtet worden. Zu Unrecht: sie stellen eine sehr interessante Reaktion auf die USA-Engagements in Iran und das internationale Erdölabkommen vom Oktober 1954 dar. Es wurde vereinbart, daß die iranischen Forderungen (aus der Besatzungszeit) auf 11,8 Mill. t Gold durch Barübergabe des Betrages und ferner Forderungen der iranischen Staatsbank über 8,3 Mill. $ innerhalb Jahresfrist durch Warenlieferungen von der UdSSR befriedigt werden sollen. Weiterhin sollen jahrzehntealte Fragen der Grenzbereinigung zwischen beidenStaaten behoben werden: unerheblich in Aserbeidschan, beträchtlicher im Mündungsgebiet des Aras am Kaspischen Meer, wo sich die Sowjets mehr als 500 km zurückziehen und auf mehrere Kaspi-Inseln verzichten wollen, erheblich auch in den iranischen NO-Provinzen Gorgan-Khorassan, wo sich die Sowjets zwar nur 21 km zurückziehen, aber von einem 1944/1946 von ihnen untersuchten – und seither zurückbehaltenen – Erdölgebiet. Nicht unwichtig erscheint auch die Vertragsbestimmung, nach der die UdSSR als Schadensersatz für unverzollte Wareneinfuhr in der Besatzungszeit 1941/1946 Warenlieferungen für 10 Mill. Rial vornehmen werden. Iran verzichtet auf die Insel Firuseh, die sich seit langem in sowjetischem Besitz befindet. Die Grenzkorrekturen werden spätestens binnen Vierteljahresfrist durch gemischte Kommissionen von der afghanischen bis zur türkischen Grenze vermessen werden.

Die orientalischen Volkswirtschaften haben das gemeinsame Merkmal, daß sich Agrar- und Rohstofflieferanten zu industrialisieren wünschen und ganz allgemein seit Jahrzehnten den Anschluß an den westlichen Fortschritt zu erreichen suchen, freilich auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Intensivierung meist zögernder mithalten. Auf alle Fälle ändert sich bei allen das Strukturbild der Außenwirtschaft: weg von den oft als „non essentials“ abgelehnten Konsum- und Basargütern zugunsten der Anlage- und Kapitalgüter. Bei den letztgenannten pflegt sich der dirigistische Drang besonders deutlich kundzutun (Pakistan, Ägypten, Irak, Iran, Afghanistan), während offenbar die türkischen Schwierigkeiten nicht zuletzt aus einem Zuviel an Importfreiheit und einem Zuwenig an balancierter Wirtschafts- und Finanzpolitik entstanden, um nur einige auffällige Punkte zu erwähnen.

Sicherlich haben wirtschaftlich diejenigen Kritiker recht, die bei gewissen Orientstaaten bemerken: „Rosinen gegen Fabriken hat es in der Weltwirtschaft noch nie gegeben“ und darauf verweisen, daß das Industrieland, welches Anlagegüter liefern will, dem Agrarland auch Kredite geben müsse. Nicht weniger ist denen zuzustimmen, die Nahostpartnern zurufen: „Erwartet nicht nur, daß der industrielle Partner bei euch Marktpflege treibt, sondern tut dies mit Qualität und Preis auch mit euren Rohstoffen auf unseren Märkten!“ Das Pech ist nur, daß in manchen Fällen das Können nicht dem Wollen entspricht, was die Marktpflege betrifft, und daß hinsichtlich der Kredite die ausländische Konkurrenz großzügig zu sein vermag.