In der letzten Woche des alten Jahres erlebten die Aktienmärkte noch einmal eine Haussebewegung großen Stils, so daß die Jahresultimokurse in den meisten Fällen auch die bisher erreichten absolut höchsten Kurse darstellten. Der Berufshandel, die ausländische Spekulation, aber auch ein Teil der Kundschaft stritten sich um das nur gering anfallende Material und scheuten vor Kurssteigerungen von 20 und mehr Punkten bei den Standardwerten des Elektro- und IG-Farben-Marktes nicht zurück. Warum sollte man auch? Weit und breit kein dunkles Wölkchen am Horizont, die Produktion steigt, die Pariser Verträge haben alle Aussicht, ratifiziert zu werden, und der Friede scheint ernsthaft nicht in Gefahr zu sein.

Es konnte nicht ausbleiben, daß dieser betonte Optimismus und in seiner Folge die hektischen Kurssteigerungen bei den Stellen, die letzten Endes die Verantwortung für den Kapitalmarkt tragen, mit Sorge angesehen wurden. In New York, wo die Kurse in den letzten Wochen ebenfalls ungewöhnlich nach oben getrieben worden waren, entschloß man sich zu einem bremsenden Eingriff, indem man die Einschußpflicht für Termingeschäfte von 50 auf 60 v. H. erhöhte. Diese Maßnahme wurde in allen Teilen der Welt als ein Warnschuß aufgefaßt. Aber sie hatte nicht nur demonstrativen Charakter. Da die europäischen Interessenten an den amerikanischen Börsen gezwungen waren, ihre Deckung zu erhöhen, müßten sie in einem entsprechenden Umfange Realisationen vornehmen, von denen insbesondere die deutschen Märkte betroffen waren. Nach den ungewöhnlichen Gewinnen der letzten Zeit boten sich die Verkäufe deutscher Wertpapiere geradezu an. Aus der Schweiz kamen größere Verkaufsorders für IG – Farben-Papiere und Elektrowerte, während sich die Holländer mehr von den Montanen lösten.

Unter diesen Umständen konnten erhebliche Kursverluste nicht ausbleiben. Vergleicht man jedoch die Kurse mit denen vor Weihnachten, so kann man feststellen, daß immerhin noch Gewinne von 10 und mehr Punkten bei den IG-Farben-Nachfolgegesellschaften geblieben sind. Die Elektrowerke und Montane liegen auch noch höher als etwa vor zwei Wochen. Um so unverständlicher ist die Reaktion eines Teiles der Kundschaft während der großen Verkäufe des Auslandes gewesen, der bereits nervös geworden war und ebenfalls begann, kräftig abzustoßen, was sich inzwischen als zu früh erwiesen hat. Sicherlich wird das Verhalten des Auslandes die Tendenz an den deutschen Börsen eine Zeitlang beeinflussen können. Die Tatsache, daß nur wenige Aktien in der Bundesrepublik auf Kredit gekauft wurden oder beliehen sind, wird in Zeiten rückläufiger Börsenkurse immer beruhigend wirken, weil die Folgen derartiger Rückschläge sich leichter lokalisieren lassen. Es kommt weiter hinzu, daß die eigentliche Ursache für die unaufhörlich gestiegenen Aktienkurse in der Mattrialknappheit liegt, die durch größeres Angebot aus dem Ausland zwar gemildert, aber auf die Dauer nicht beseitigt werden kann. Immerhin hat die Reaktion an den deutschen Wertpapiermärkten auf die Maßnahme in New York gezeigt, wie gefährlich und einseitig es geworden ist, die Entwicklung der Kurse nur aus dem deutschen Blickwinkel zu sehen.

Die Herabsetzung der Spekulationsfrist von 12 auf 3 Monate hat zwar etwas mehr Material auf den Markt gebracht, angesichts der umfangreichen Käufe in den ersten Januartagen zeichneten sich jedoch dadurch keine kursbremsenden Folgen ab. Insgesamt ist die Privatkundschaft aber beweglicher geworden und auch bereiter, bei passender Gelegenheit Gewinne mitzunehmen. Was bislang manchen Kunden von einem „Rein und Raus bei den Papieren abhielt, waren die relativ hohen Unkosten, die mit Kauf und Verkauf verbunden waren. Wenn es sich lohnen sollte, mußten die Kursdifferenzen je nach Kurshöhe einen gewissen Umfang erreicht haben. Um nun auch von dieser Seite das Börsengeschäft beweglicher zu machen, sind die Banken entschlossen, ihre Spesenbeträchtlich zu senken. wobei sie hoffen, den Einnahmeausfall durch einen vermehrtem Umsatz wettmachen zu können.

Angesichts der alles überschattenden internationalen Einflüsse auf die Börsentendenzen traten die innerdeutschen Momente nur am Rande in Erscheinung. Von den Erdöl- und Kaliwerken wurden am fühlbarsten die Dt.Erdöl-Aktien von der vorübergehenden Baisse getroffen, da man auf der HV offenbar handfestere Erklärungen über die Dividende für 1954 erwartet hatte als sie von der Verwaltung gegeben wurden. Maschinenwerke konnten trotz der Schwankungen auf den anderen Märkten erneut nennenswerte Gewinne erzielen. Demag kamen in der letzten Woche von 245 auf 261 H., bei dieser Gesellschaft spricht man von einer in Aussicht stehenden Kapitalerhöhung. Das gleiche gilt für MAN und Lindes Eis.

Bei den Montannachfolgern war die Entwicklung unterschiedlich. Im Vordergrund blieben die drei Mannesmann-Gesellschaften, die nun wieder zusammengeschlossen werden sollen. Wie erwartet, ist den Aktionären der Stamag und Consolidation ein Umtauschangebot im Verhältnis 1 : 1 gemacht worden. Bei den Automobilwerken sorgten BMW wieder einmal für eine Überraschung: der Kurs liegt nunmehr bei 160, und immer noch ist kein Nachlassen der Nachfrage festzustellen. Bei den Banken ist das Geschäft in den letzten Tagen ruhiger geworden. Sämtliche Nachfolgeinstitute haben die 200-Prozent-Grenze überschritten. Die in provisorischer Form vorliegenden Bilanzen vermitteln ein erfreuliches Bild und dürften von der Gewinnseite her die Möglichkeiten für eine Dividendenerhöhung eröffnen. Aus optischen Gründen kann jedoch für 1954 kaum mit einer zweistelligen Dividende gerechnet werden. Zur Debatte steht demzufolge lediglich 8 1/2 v. H. (wie in 1953) oder 9 v. H. Die Allianz-Kurse haben sich beruhigt. Überraschende Veränderungen haben sich nicht mehr ergeben. Daß Versicherungen gegenwärtig ein besonderes Interesse finden, beweist das Schreiben eines hamburgischen Bankgeschäftes an seine Kundschaft, in dem es sein Interesse an einer Aktien-Majorität einer Versicherungs-Gesellschaft bekundet.

Am Rentenmarkt kam es im Zeichen vermehrter Geldflüssigkeit zu einer kräftigen Belebung, die in den Geldmarktpapieren zu Kurssteigerungen führte. Gewünscht wurden ferner Industrie-Anleihen. – ndt