Die Deutsche Bundesbahn hat an der Hochkonjunktur des vergangenen Jahres nur wenig partizipiert. Der Personenverkehr hat sich zwar, alles in allem, recht günstig angelassen; auch im Güterverkehr ist eine Wende eingetreten. Während in der ersten Hälfte 1954 die Wagengestellung noch unter den Vergleichsdaten von 1933 lag, stieg vom Sommer an die Kurve wieder nach oben. Ab Oktober lag die Güterwagengestellung um etwa 10 v. H. über den entsprechenden Zahlen des Vorjahres. Das alles hat aber nicht genügt, um die Lage der Bundesbahn grundlegend zu verbessern. Die Ausgaben sind sehr viel stärker gestiegen als die Einnahmen, mit dem Ergebnis, daß die Gewinn- und Verlustrechnung bei vorsichtiger Schätzung mit einem Jahresverlust von 500–600 Mill. DM abschließen wird.

Das ist für ein Jahr der Hochkonjunktur ein miserables Ergebnis. Es zeigt, daß die Besserung nicht mehr allein auf der Einnahmenseite gesucht werden kann, sondern daß die Misere vor allem auf der Kostenseite liegen dürfte. Die mehrfache Erhöhung der Personalkosten, die das Jahr 1953 mit sich brachte, haben sich erst 1954 voll ausgewirkt. Die Verminderung des Personals um etwa 16 000 Köpfe genügte nicht annähernd, um diese Kostensteigerung auszugleichen. Dabei muß man bedenken, daß es mit dem Einsparen von Personal auf die Dauer nicht mehr so flott weitergehen kann, wie dies bisher der Fall war. Der vorhandene Apparat braucht nämlich zu seiner Bedienung einen recht beachtlichen Stamm von Arbeitskräften, der jetzt nicht mehr verringert werden kann. Helfen kann hier nur eine Rationalisierung durch Investitionen von arbeitseinsparenden Maschinen. Dafür aber sind Investitionsmittel notwendig. Die eigenen Kräfte der Bahn reichen nicht aus. Da sie mit Verlust arbeitet, kann sie nicht einmal ihre Abschreibungen voll verdienen. Das aber wäre doch das mindeste; sie muß nämlich wesentlich mehr investieren als ihre vollen Abschreibungsbeträge, wenn sie wieder in Ordnung gebracht werden soll. Dies ist die zwangsläufige Folge einer nunmehr zwanzig Jahre währenden Verschleißwirtschaft. Der Eigentümer der deutschen Eisenbahn, der Bund, denkt aber gar nicht daran, irgendwelche Mittel zur Verfügung zu stellen; im Gegenteil, er behandelt die Bahn nach wie vor als Finanzquelle. Von den politischen Lasten, die ihr abgenommen werden sollten, spricht überhaupt niemand mehr. Dagegen aber droht der Bundesbahn erneut eine im wesentlichen politisch bedingte Gehaltserhöhung, die ihr gesetzlich eine Last von rd. 100 Mill. DM auferlegen wird. Eine Deckung hierfür aber vermag die Bundesbahn weder in ihren Einnahmen noch in der Bundeskasse zu finden.

Es wird sich also im Jahre 1955 das Verhängnis wiederholen, mit der bösen Folge, daß der Verschleiß weitergeht. Für den Finanzminister bildet die Frage der Erhöhung der Gehälter für Bundesbeamte kein großes Problem, weil es nicht sehr viele Bundesbeamte gibt, wenn man Eisenbahn und Post ausklammert. Wie diese beiden Sonderverwaltungen mit den Gehaltserhöhungen fertig werden, überläßt man aber ihnen selbst. Die Erhöhung der Postgebühren erscheint damit in einem merkwürdigen Licht. Wie sich die Dinge bei der Bahn gestalten werden, weiß vorläufig niemand zu sagen. Zu erkennen ist nur, daß an den Gehaltserhöhungen, die jetzt beiden großen Bundesunternehmen zwangsläufig aufgedrückt werden, der Bundesfinanzminister über die Einkommens- und Umsatzsteuer partizipieren wird... Rlb