Diese Zeilen schickte uns einer unserer Leserpreisrichter. Wir wollen sie allen anderen Preisrichtern nicht vorenthalten.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, einen recht geruhsamen Sonntagnachmittag zu verbringen. Seit Wochen hatte ich die Kurzgeschichten gesammelt. Heute würde ich sie gemächlich, Stück für Stück, einen Wacholder zur Rechten, eine Zigarette in der Linken, genießen. So dachte ich mir das.

Noch frischen Mutes las ich zunächst die Geschichte, die ich eigentlich gar nicht lesen durfte (I), und gelangte zügig, noch mit Veitels Baskenmütze versehen, ins Rennen (II). Erschauernd vernahm ich von dem unheimlichen Anrufer, fuhr zusammen, als es draußen klingelte und war kaum noch überrascht, als sie tot vor mir lag. Herr Krüger (III) hat mich dann mit seinen belegten Broten zunächst getröstet, aber daß er die Leiche nun gerade mit einem Taschenmesser von der Leine schnitt, hat mir den Appetit ziemlich verdorben. Erst mit der Mescalflasche (IV) rappelte ich mich wieder hoch und ließ mich auch durch die verdursteten Zapoteken nicht mehr verdrießen, die da Studier dreißig in der Kirche lagen. Dafür ging es ja auch in dem Lokal (V) erheblich gewohnter zu und ich gab die Hoffnung nicht auf, den Nachmittag zu retten.

Allein es irrt der Mensch in seinem dunklen Drange der Scheußlichkeit des Daseins ist er kaum bewußt... Und wer hätte auch gedacht, daß nach der gemütlichen Schachpartie (VI) noch soviel Sterbensleid zu erwarten war? Ich verstand den Namen auch nicht und ließ sie sterben. Ebenso die arme ältere Schwester (VII). In der Hotelhalle wollte ich mich gerade erholen (VIII), da ging das Telefon. Ich antwortete zerstreut und stellte nebenbei fest, daß der wachträumende Rechtsanwalt (IX) Gott sei Dank den Doktor Scharfuß nicht ermordet hat, obwohl doch die Mordkommission (X) auf den Spalten nebenan so bequem zur Hand gewesen wäre. Mit einem Mord war es eigentlich auch nichts Rechtes, als der alte Vivinot endlich seine Puppe spaltete, was ich voll und ganz verstehen konnte. Wenn Jens Redluff (XII) nicht vor lauter Nervosität seinen richtigen Namen gemurmelt hätte, wäre auch die Spannung kaum auszuhalten gewesen, die mich angesichts des kraftvoll modellierten Gangwerks der saarländischen Dorfmädchen (XIII) befiel. Na, der Keiler hat’s ihm ja dann gegeben! Ich sprang aus den durchrissenen Eingeweiden und versank eine Weile ins Grübeln über die Wundmale (XIV), woraus dann doch nicht viel wurde, denn der Regen ging durch und durch (XV). Immerhin schien mir der Schnupfen noch erträglich, als mir erst das Blut von der Hand tropfte (XVI) und ich im Vollgefühl einer ehrlich erworbenen Lepra in der brasilianischen Steppenglut schmorte. Gottlob filmte niemand meine Agonie (XVII).

Wenn ich heute noch lebe, so verdanke ich das dem Zufall, der mich mit letzter Kraft noch zu einer der als Leitsterne abgedruckten Geschichten greifen ließ. Sie stammte von Auburtin und handelte von der Heimkehr des Odysseus. Das ist übrigens der gleiche Auburtin, der eines seiner Feuilletons – „Vor Ithaka“ – damit enden läßt, daß er sagt: „und nun wollen wir abwarten, wie lange das Gut dieser Stunde vorhalten wird für das Leben“ ... Arnold Landwehr