Am Eingang der alten Infanteriekaserne in der Ermelkeilstraße in Bonn stehen auf einem mit dem schwarz-rot-goldenen Adler geschmückten Schild die Worte: „Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.“ Daß hier Informationen gesammelt werden, verrät schon das Spinnennetz von Antennen auf dem Dach des vierstöckigen Backsteinbaues. Die Antennen und die „Abteilung II, Nachrichtenwesen“ sind das Ohr, die Abteilungen III, IV und V, in denen Zeitungen gelesen, Filme und Fernsehsendungen angesehen werden, das Auge des Amts. Die Abteilung I aber ist der Mund. Sie gibt das Regierungssprachrohr „Bulletin“ heraus, sendet den Informationsfunk an die deutschen diplomatischen Vertretungen im Ausland und sorgt über Referat 4 (Chef vom Dienst) für den ständigen Kontakt mit den Journalisten. Alle diese Abteilungen und noch eine Zentralabteilung für Organisationsfragen unterstehen dem Bundespressechef Felix von Eckhardt. In seiner Person sind die Funktionen von Ohr, Auge und Mund vereinigt. Er informiert die Öffentlichkeit über die Gedanken der Regierung und die Regierung über die Gedanken der Öffentlichkeit.

Dem Besucher des Zimmers 142 im ersten Stock wird zunächst „Ramses“ vorgestellt, und Ramses erwidert ganz, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, mit einigen unverständlichen Lauten. Ramses ist nämlich ein brasilianischer Pfefferfresser und hat einen Schnabel, der fast ebenso groß ist wie er selbst. Beschäftigt man sich zu lange mit ihm, läßt „Prinz“ einige unzufriedene Laute hören. Auch Prinz ist ein Vogel, und zwar ein Kardinal. Es gibt Leute, die statt „Prinz“ „Frings“ sagen, aber Prinz ist jedenfalls der richtige Name. Das sind aber noch nicht alle ständigen Bewohner des Zimmers 142. In einem Aquarium, das Neapel oder Monako alle Ehre machen würde, schweben über einer Landschaft von Seerosen, Algen und Korallen kleine elegante Mittelmeerfische.

Gelegentlich, mitten im Gespräch mit dem Bundespressechef, schwätzt Ramses so laut, daß eine kleine Pause eintritt. Es gibt Journalisten, die behaupten, Ramses wolle auf diese Weise seinem Herrn beispringen und seine Schnabellaute hätten die gleiche Funktion wie die berühmte Tabakspfeife im Munde des UNO-Sekretärs Dag Hammarskjöld: bei kitzligen Fragen ein paar Sekunden Zeit zu schaffen.

Das Fehlen aller bürokratischen Züge ist einer der Gründe für die Beliebtheit von Eckhardts bei den Journalisten. Der kleine, fast zierliche Mann ist aber nicht nur unbürokratisch, er hat auch Humor, den seine wachsamen Augen widerspiegeln. Diese Augen und die breite vorgewölbte Stirn beherrschen das Gesicht. Einem weniger ausdrucksvollen Gesicht würde der kleine Schnurrbart etwas Dandyhaftes verleihen.

Von Eckhardt ist seit drei Jahren im Amt, das ist auf diesem Posten eine Rekordleistung. In der Zeit von 1949 bis zu seinem Amtsantritt im Februar 1952 hätten nicht weniger als drei kommissarische, ein stellvertretender und ein regulärer Pressechef amtiert. Das Geheimnis seiner langen Amtsdauer liegt wohl nicht zuletzt in seiner Gabe, nicht nur die Presse, sondern auch die Regierung richtig zu behandeln. Vor allem sagt man von ihm, er verstehe es, dem Bundeskanzler Wahrheiten – auch unangenehme – zu sagen, ohne ihn zu langweilen. Seine Anekdoten bringt er unter, ohne die Abneigung des Bundeskanzlers gegen gedankliche Sprunghaftigkeit herauszufordern. Denn: „Der Kanzler will immer eine Sache nach der anderen behandelt wissen. Abweichungen vom Thema liebt er nicht. Er schiebt sie mit leichter Ungeduld zur Seite. Daher wohl auch seine unglaubliche Ausdauer.“

Eckhardt hat als Bundes-Pressechef immer wieder dafür gesorgt, daß die Nahtstelle zwischen Obrigkeit und Öffentlichkeit, diese kritischste. Stelle der Demokratie, zusammengehalten und dem Druck derjenigen standgehalten hat, die meinen, die Naht müsse durch eine kräftigere Klammer in Gestalt eines „Informationsministeriums“ gesichert werden. Derartige „Promi“-ähnliche Lösungen entbehrlich gemacht zu haben, gehört wohl zu Eckhardt: größten Verdiensten.

Dieser Tage hat die Bundesregierung ihn als ständigen Vertreter bei der UNO im Range eines Botschafters vorgeschlagen. Sie muß also bald einen neuen Pressechef ernennen. Man denkt dabei in erster Linie an den gegenwärtigen stellvertretenden Pressechef, Ministerialdirektor Forschbach. Man ist überzeugt, daß dieser die Absicht hat, das Amt im selben Sinne und Geiste zu leiten, wie sein Vorgänger, doch steht nicht fest, ob die geplanten und nach der in Kürze fälligen Auflösung der Personalunion Bundeskanzler-Außenminister auch notwendigen Änderungen im Informationswesen der Bundesregierung ihm dies erlauben werden. Eine wirkliche Rivalität zwischen Presseamt und Auswärtigem Amt gab es bisher nicht, noch weniger einen Kampf bis aufs Messer zwischen den beiden Behörden wie im Dritten Reich. Aber um eine klare und möglichst reibungslose Abgrenzung der Kompetenzen im Bereich der Information wird man auch in Bonn nicht herumkommen. Bisher teilten sich Außenministerium und Presseamt zum Beispiel brüderlich in die Berichte der deutschen Presseattaches im Ausland. Jedes Amt bekommt eine Kopie und die Pressereferenten des Auswärtigen Amtes folgen willig den Richtlinien des Bundespressechefs. Sie können das mit gutem Gewissen, solange Außenminister und Bundeskanzler identisch sind. Aber wie wird das in Zukunft sein, wenn Außenminister und Pressechef in der Information des Regierungschefs konkurrieren müssen?