Als Angeklagter vor einem Militärgericht in Metz steht der frühere Oberbürgermeister von Straßburg, Dr. Ernst. Die Anklage lautet. auf Kriegsverbrechen.

Die französische Justiz hat sich sehr viel Zeit gelassen, diese Anklage zu erheben. Nach dem Kriege hatte man weder in Paris noch in Straßburg an einen Kriegsverbrecherprozeß gegen Ernst gedacht, denn die Korrektheit seiner Amtsführung als Oberbürgermeister von Straßburg wurde auch von den Franzosen anerkannt. Damals wollte man dem Dr. Ernst vielmehr einen Landesverratsprozeß machen, weil er im Kriege Funktionen für den Feind wahrgenommen habe. Landesverrat kann aber nur ein Inländer begehen, nicht ein Ausländer. Vergeblich bemühte sich die französische Justiz neun Jahre lang um den Nachweis, daß Dr. Ernst, der im ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft und nach der Abtretung des Elsaß an Frankreich für Deutschland optiert hatte, Franzose und nicht Deutscher sei. Dieser Nachweis mißlang. Das Straßburger Gericht erkannte: Dr. Ernst ist Deutscher. Die Anklage wegen Landesverrats mußte daher fallen gelassen werden.

Der jetzige Prozeß wegen Kriegsverbrechens legt die Vermutung allzu nahe, daß es sich hier nur um eine Fortsetzung des Krieges gegen Dr. Ernst mit anderen Mitteln handelt. Das ist schlimm und wird dem Ansehen der französischen Justiz keinen Nutzen bringen, die als einziges für sich ins Treffen führen kann, daß sie den Fall Ernst immerhin besser behandelt hat als die englische den Fall Joyce. William Joyce war ebenfalls Ausländer, ursprünglich Amerikaner, später Deutscher, aber niemals Engländer. Er wurde 1946 zum Tode verurteilt und hingerichtet, weil er im Kriege über deutsche Sender Propaganda gegen England gemacht hatte. –ll