Ende des Jahres 1954 ist ein Transport mit etwa 100 Deutschen – hauptsächlich Frauen, Kinder und iltere Leute – aus den polnisch besetzten Ostgebieten im Lager Friedland eingetroffen, von wo sie zu ihren Angehörigen in der Bundesrepublik weitergeleitet wurden. Wie verlautet, konnten die Umsiedler nur kleinere Gepäckstücke mitnehmen, so unerwartet und schnell war der Abruf erfolgt. Wahrscheinlich ist die Wiederaufnahme der im Jahre 1951 jäh eingestellten Aktion „Familienzusammenführung“ ein später Erfolg der Konferenz von Toronto, auf der vor zwei Jahren sämtliche nationalen Rotkreuz-Gesellschaften eine Entschließung unterzeichneten, welche die endliche Freilassung von Heimkehrwilligen aus den vom Krieg betroffenen Ländern bewirken sollte.

Nun ist es aber zwischen der Warschauer Regierung und dem Polnischen Roten Kreuz zu Meinungsverschiedenheiten darüber gekommen, welche dieser Deutschen in die Bundesrepublik umsiedeln dürfen. Der Präsident des Polnischen Roten Kreuzes, Rutkiewicz, hat einen größeren Umsiedlungsplan ausgearbeitet, der neben der vorerst beabsichtigten Familienzusammenführung späterhin weitere Umsiedlungen in das Bundesgebiet vorsieht.

In mehreren Konferenzen haben nun die Vertreter des Innen- und Außenministeriums den Standpunkt vertreten, daß diejenigen Deutschen, die von der polnischen Propaganda als „Autochthone“ (Ureingesessene) bezeichnet werden, nicht umgesiedelt werden sollen. Die Regierung ist lediglich bereit, den Angehörigen der ausdrücklich anerkannten „deutschsprachigen Minderheit“ den Umzug zu gestatten. Sie wird mit 70 000 bis 90 000 Personen beziffert.

Der größte Teil der Deutschen in den polnisch verwalteten deutschen Ostgebieten gilt für die Warschauer Behörden aber als „polnisches Volkselement“ und soll diese Gebiete nicht verlassen dürfen. Die Einstellung der Ministerien ist darauf zurückzuführen, daß ihre Werbung unter den Polen, aus dem Innern des Landes in die deutschen Gebiete umzusiedeln, auf größten Widerwillen gestoßen ist. Viele polnische Bauern sind sogar nach kurzer Ansässigkeit im Oder-Neiße-Gebiet wieder nach Polen zurückgekehrt. Weitere Unstimmigkeiten sind dadurch entstanden, daß die Warschauer Regierung dem Polnischen Roten Kreuz verboten hat, in den staatlichen Kinderheimen nach dem Verbleib deutscher Kinder zu forschen. Derartige Ermittlungen dürfen künftig nur noch gemeinsam mit dem Innenministerium stattfinden.

Unzählige Familien, besonders der jenseits von Oder und Neiße sowie der in Polen und der Tschechoslowakei als Minderheiten lebenden Deutschen wurden durch den Krieg und seine Folgen auseinandergerissen. Die Männer, die zur deutschen Wehrmacht eingezogen worden waren, verschlug es in Zuge der Absetzbewegungen nach dem Westen, sie gerieten in Gefangenschaft und hatten nach der Entlassung keine Möglichkeit mehr, nach drüben zurückzukehren. Ihre Angehörigen, hineingerissen in den Strudel der Völkerwanderung, wurden oft auf der Flucht voneinander getrennt, und während sich die einen durchschlagen konnten, wurden andere von den nachfolgenden Truppen eingeholt, zusammengetrieben und ostwärts verfrachtet. Sehr viele, darunter auch Alte, Kranke und Kinder, waren in den ehemals deutschsprachigen Gebieten verblieben, in der spärlichen Hoffnung, ihre Anverwandten würden später wiederkehren oder sie würden die Erlaubnis erhalten, ihnen nachzufolgen.

Diese Familien nun wieder zu vereinen, ist eines der Hauptanliegen des Deutschen Roten Kreuzes. Es hat zu diesem Zweck bei seinem Generalsekretär riat in Bonn ein eigenes Referat „Familienzusammenführung“ eingerichtet und mit den beiden Außenstellen Hamburg und München versehen. Hamburg ist dabei für Polen einschließlich der polnisch verwalteten Gebiete, die UdSSR und die baltischen Provinzen zuständig; München bemüht sich um die Volksdeutschen in der Tschechoslowakei, in Jugoslawien, Ungarn und Rumänien.

Bereits im März 1950 war es durch Vermittlung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und seiner Beauftragten in Warschau und Prag gelungen, die sogenannte Operation Link (to link = verbinden) einzuleiten. Innerhalb eines Jahres konnten aus den polnisch besetzten Ostgebieten 44 000 Deutsche, die sich zur Aussiedlung hatten registrieren lassen, über das Lager Friedland in das Bundesgebiet gebracht werden; ungefähr die gleiche Zahl gelangte in die Sowjetzone. Gleichzeitig wurde es 16 500 Deutschen aus der Tschechoslowakei gestattet, in die amerikanische Besatzungszone einzureisen. Nach diesem verheißungsvollen Anfang einer großzügigen Freigabe aussiedlungswilliger Personen stellten plötzlich die beiden Oststaaten die Transporte ohne jegliche Begründung ein.