Herbert Spencer, einer der großen Soziologen des 19. Jahrhunderts, der der Entwicklungslehre Darwins ihre philosophische Begründung gab, interpretierte die Welt als einen Urwald, der von den Gesetzen des Dschungels beherrscht wird. Nur die Tauglichsten überleben. Aller Fortschritt beruht auf dem Ausleseprozeß, in dem jenseits von Moral und Unmoral alles Schwache ausgeschieden wird. Armut harrt der Unfähigen, und die Faulen sind zum Verhungern verurteilt.

Keiner jener Wirtschaftsmagnaten, jener hundertfachen Millionäre und Milliardäre, der Vanderbilt, Harriman, Carnegie, Du Pont, Morgan, Rockefeller, Hearst und der anderen, die ihrem Jahrhundert den Stempel eines Zeitalters des schrankenlosen Individualismus aufdrückten und die in dem mit Leidenschaft zur Sache geschriebenen Buch von

Stewart Holbroock, Cäsaren der Wirtschaft, Die Entstehung der amerikanischen Gelddynastien, Biederstein Verlag, München, 420 S., Ganzleinen 22,50 DM

vor unseren Augen Revue passieren, hat sich je um Systeme von Philosophen gekümmert, geschweige denn, daß sie ihre Bücher gelesen haben. Aber sie haben nach diesen Maximen gehandelt und damit diese Philosophie bestätigt als gültigen Ausdruck einer Zeit, die nun hinter uns liegt. „Sie waren abgebrühte Gesellen, die sich wie eine Herde von Dickhäutern ihren Weg zum Erfolg bahnten.“ Der letzte von diesen Männern, von denen ihre Zeit nicht wußte, ob sie sie als Titanen verehren oder als Verbrecher verfluchen sollte, der Zeitungskönig William Randolph Hearst, starb erst im Jahn 1951. Er hinterließ ein Vermögen von „nur“ 400 Millionen Dollar. Auch er war noch ein Großkapitalist reinsten Wassers, der Letzte einer Generation von Ellbogenmenschen, die kein Gesetz kannten.

Dieses Buch des bekannten amerikanischen Publizisten ist ein Dokument. Es ist geschrieben im Stil jener pragmatischen Geschichtsschreibung, die nicht werten und kritisieren, sondern darstellen, also in diesem Fall zeigen will, wie diese Fürsten des Geldes zu ihrem für uns heute unvorstellbaren Reichtum kamen. Es ist ein Buch, das sich, in souveräner Aneinander- und Ineinanderreihung außerordentlicher menschlicher Schicksale, wie ein Roman, teilweise wie ein Kriminalroman liest und dabei einen Einblick gibt in „ein turbulentes Zeitalter, das dem kaiserlichen Rom an Pracht nichts nachgab, während es unvergleichlich viel aufregender war als dieses“, wie man dem Verfasser beipflichten muß. Der Leser allerdings, jedenfalls der deutsche Leser, dem dieser amerikanische „Goodseller“ in flüssiger Übersetzung von Hans Wolfgang Thiem zugänglich gemacht wird, dürfte diese Lektüre nach überstandener Faszination doch mehr mit dem Gefühl einer gewissen Bedrückung aus der Hand legen, hat doch bei dem kometenhaften Aufstieg dieser Magnaten in die obersten Spitzen der Gesellschaft – summa summarum – mehr brutale Rücksichtslosigkeit die entscheidende Rolle gespielt als das, was wir, heute jedenfalls, unter unternehmerischer Tüchtigkeit verstehen.

Es gab zwar Ausnahmen, etwa der von einer – Idee besessene Ford, der „große Bastler“ und „göttliche Mechaniker“, wie ihn seine Zeit nannte, und vielleicht auch Rockefeller, der vielgehaßte Organisator des ersten Riesen-Trusts, der bei seiner Jagd nach einem allumfassenden Monopol nicht getrieben war von der Gier nach Geld, sondern nach Ordnung und Leistung, ein Mann, der die Konkurrenz mit jedem verfügbaren Mittel deswegen niederkämpfte, weil sie für ihn gleichbedeutend war mit Unordnung und Anarchie. Sicher, alle diese Männer hatten Format. Sie haben immer nur ein großes Spiel gespielt. Sie waren keine „reichen Müßiggänger“ – das waren ihre Witwen und Nachkommen. Sie haben Bleibendes geschaffen, aber der Aufbau dieser Riesenvermögen in den Händen weniger schuf Bitternis in den Herzen der Massen und jene lastenden sozialen Hypotheken, die wir nun mit unendlicher Geduld wieder abbauen müssen. Diesen Glanz einer vergangenen Epoche müssen wir teuer bezahlen.

Die Sonne dieses unbekümmerten Kapitalismus ging zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts auf und sie hatte ihren Zenit bereits vor der Jahrhundertwende überschritten. Große Vermögen wurden auch noch danach gemacht, aber nicht mehr unbehelligt. Die öffentliche Meinung, die Gewerkschaften und vor allem der Staat traten auf den Plan. Als Hearst im Jahre 1951 starb, waren die meisten der üppig prunkvollen Paläste dieser Krösusse bereits abgerissen, oder sie dienten anderen Zwecken. Wenn aber, so schreibt Holbrook, die Häuser einer Klasse nicht mehr den ihr zugehörigen Menschen als Wohnung dienen, sondern zu Museumsstücken werden, dann heißt das, daß diese Klasse ausgestorben oder im Aussterben ist.

Das Zeitalter des Kapitalismus, der Wirtschaftscäsaren und Ellbogenmenschen großen Stils, ist vorüber. Sie haben ihre geschichtliche Rolle gespielt und dann sich selber umgebracht, indem sie durch ihr Wirken die Grundlagen ihrer Existenz zerstörten. Noch die ~~sten von ihnen, so schreibt Holbrook, arbeitetbis etwa 1900 mit Methoden, von denen heute auch der gewissenloseste Manager zurückschrecken rde. Fast jeder dieser Männer hätte unter heutigen Verhältnissen „gut und gern 100 Jahre Gefängnis zu erwarten“. Das ist hart gesagt. Aber die Auffassungen darüber, was erlaubt und nicht erbt ist, haben sich geändert und damit auch Praktiken des wirtschaftenden Menschen. Wolfgang Krüger