Keiner aus der stattlichen Reihe bedeutender italienischer Novellisten hat es, neben Meister Boccaccio, so sehr verdient, auch bei uns bekannt zu sein, wie

Giambattista Basile. Das Pentameron. Hundt-Verlag Hattingen (Ruhr), 512 S., 13,80 DM.

Titel und Aufbau seines Werkes, das fünfzig Geschichten, erzählt an fünf Tagen, enthält, verraten, daß es in die große Nachfolgeschaft des Decamerone gehört. Seine Stoffe allerdings holte sich Basile aus dem unerschöpflichen Märchenschatz der Völker Europas und des Orients. Die Einkleidung in die effekthaschende Sprache des italienischen Barock tat ihrer Wirkung keinen Abbruch. Nachdem sich in Deutschland schon Wieland und Brentano von Basiles phantastischen Geschichten hatten anregen lassen, konnte der aufmerksame Vater des deutschen Märchens, Jakob Grimm, bei Basile den gestiefelten Kater, Dornröschen, Aschenbrödel und vieles Vertraute mehr erneut entdecken. Kein Wunder, daß er das Pentameron für eine Sammlung von Kinder- und Hausmärchen hielt.

Basile jedoch hatte seine Geschichten nicht für den Gebrauch erzählfreudiger Großmütter bestimmt. Wenn der Held des deutschen „Tischlein deck’ dich“ ein mäßig begabter, aber doch recht sanfter Knabe ist, so ist sein italienischer Bruder „ein derartiges Rindvieh, daß er nicht einmal zum Schneeballmachen taugt“, sondern „dreinglotzt wie eine gestohlene Sau“. Die holde Fee, die nächtlings aus einem Myrtenzweige schlüpft, um die Seelenmuße eines schönen Prinzen auszufüllen, wird von dessen Konkubinen „aus einem Milchschäfchen in Hackfleisch“ verwandelt. Besagter Prinz jedoch, alsbald vor Kummer „gelb wie eine wurmige Eidechse“, wirft die blutrünstigen Damen in eine Kloake, um die Wahrheit des Sprichworts zu bestätigen: „Die lahme Ziege käm’ ans Ziel, wenn sie nicht stolperte und fiel.“ Man sieht: aus dem Mitleid wird hier nicht viel, wohl aber aus dem Vergnügen.

Wie sein Vorbild Marino betätigte sich Basile gern als sprachlicher Neuigkeitsjäger und erfüllte das Stilideal seiner Zeit durch die höchst kunstvolle Vermengung des stilisierten Banalen mit dem Geziert-Idyllischen. In seinem novellistischen Märchenland geht die Sonne zwar viel häufiger, aber nie so schlicht und simpel auf als anderswo, sondern „fegt mit dem goldenen Besen ihrer Strahlen den Schmutz aus den Gefilden, die von der Morgenröte besprengt“ sind oder „tritt in die frische Luft, um sich den Schnupfen zu vertreiben, den sie sich an dem Flusse Indiens geholt“. Das Behagen am ausgefallenen Effekt, an der bizarrsten Metapher, dem saftigen, ganz und gar nicht zimperlichen Wortspiel ist das Kennzeichen von Basiles Sprachkunst, die – und darin erweist sein Buch sich als ein Meisterwerk des Barock – an keiner Stelle die schmale Grenze überschreitet, hinter welcher die Gespreiztheit des Stils zur unerträglichen Manier wird.

Basile hat sein Werk im heimatlichen Dialekt abgefaßt. Seinen italienischen Landsleuten wurde es erst durch die Übertragung Benedetto Croces (dessen Basile-Studien auch das Nachwort der vorliegenden Ausgabe entnommen ist) neu geschenkt. Während der erste deutsche Übersetzer Felix Liebrecht, dessen von Jakob Grimm eingeleitete Ausgabe 1847 erschien, sich noch mit dem neapolitanischen Dialekt herumschlagen mußte, konnte sich die neue Übertragung auf Croce stützen. Gleichwohl war es auch für den heutigen Übersetzer Adolf Potthoff – mit J. Grimm zu reden – „schwer, diesen Bombast in all seiner natürlichen Zier und Anmut neu zu gebären“. Wenn wir im Bilde bleiben dürfen: Die Niederkunft verlief glücklich. Erich Köhler