Was ist die wahre Hauptstadt Deutschlands?

Von Karl Willy Beer

Wird Berlin je wieder Hauptstadt werden? DasEnde der Viermächte-Zusammenarbeit hat uns diese Hauptstadt genommen. Inzwischen ist Bonn Hauptstadt der Bundesrepublik geworden. Das war vor mehr als fünf Jahren.

In einem so kurzen Zeitraum kann natürlich keine politische Tradition entstehen, wenn auch in diesen Jahren die Universitätsstadt am Rhein große Anstrengungen gemacht hat, aus dem Stadium des politischen Provisoriums in einen Zustand der repräsentativen Gewöhnung hineinzuwachsen. In dem Rumpfdeutschland von immerhin 50 Millionen Einwohnern brauchten Regierung und Verwaltung von Jahr zu Jahr mehr Bauten. Sie in Berlin zu errichten, ist oft genug verlangt worden. Aber das klassische Forum für die Ministerien und Verwaltungsgebäude liegt in jenem Teil der zerstörten Innenstadt, der unter sowjetischer Verwaltung steht.

Eine Planung für den Wiederaufbau des Regierungsviertels in Berlin kann daher nicht erfolgen. Ein einziges Projekt – der Wiederaufbau des am Brandenburger Tor gelegenen Reichstagsgebäudes – wurde zwar verkündet, ist aber nie über das Stadium der Propaganda hinausgekommen. Mehrfache Versuche, den Bundestag zu einer demonstrativen Sitzung gesamtdeutschen Charakters oder gar zu einer ganzen Sitzungsperiode nach Berlin zu verpflanzen, sind unrealisiert geblieben – bis auf jene feierliche Bundesversammlung im vorigen Sommer, in der der Bundespräsident in Berlin gewählt worden ist.

Doch schon diese einmalige repräsentative politische Festlichkeit machte offenkundig, daß Berlin heute auf Behelfsräume angewiesen ist. Eine Messehalle war die Stätte der Bundespräsidentenwahl. Eine besondere Architektur für das Parlament und die politischen Gremien hat dagegen Bonn entwickelt: das Bundeshaus, ursprünglich Pädagogische Akademie, ist längst am Ufer des Rheins ins Breite gewachsen. Seine Formgebung ist nichtssagend und leer, insofern allerdings für vieles in der Bundesrepublik symbolisch. Zum Parlament traten die Ministerien. Die Volksvertretung mochte das Provisorische noch in Kauf nehmen. Ihre Mitglieder sind Wanderer zwischen Bonn und ihren Heimat- und Wahlkreisen, und wie es am Wochenende in Bonn aussieht, wissen viele von ihnen noch heute nicht. Die Verwaltung aber hat den Drang nach Seßhaftigkeit. Baracken, Kasernen, Lager, Speicher, Schulen, schwimmende Schiffe – in solchen Notbehausungen hatten sich 1949 die Verwaltungsorgane eingenistet. Das möblierte Zimmer war die Form des privaten Wohnens. Man könnte meinen, daß dies dem provisorischen Charakter der Hauptstadt Bonn sehr gut entspreche.

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