Von Heinz Hell

Berichte und Gerüchte über schon eingetretene und noch bevorstehende Maßnahmen der Ostberliner Behörden, die Trennung durch die Zonengrenzen wieder zu verschärfen, häufen sich. Westberliner, die im sowjetischen Sektor arbeiten, wurden gekündigt. Man spricht davon, daß Pankow Arbeiterkontrollen an den Sektorengrenzen einsetzen will. Westberliner dürfen nicht mehr für Ostgeld im Ostsektor einkaufen. Es darf monatlich nur noch ein Geschenkpaket im Werte von 30 DM in die Ostzone geschickt werden. Der Überweisungsverkehr von West- und Ostmark zum freien Westberliner Wechselkurs ist seit einer Woche aufgehoben. Wird sich der schon gelockerte Eiserne Vorhang wieder schließen? Der nachstehende Aufsatz schildert einen Ausflug unseres Mitarbeiters Heinz Hell an den Scharmützelsee, der einmal allen Berlinern gehört hat.

Berlin, im Januar

Sonntag am Scharmützelsee. Das HO-Restaurant ist überfüllt wie alle Lokale in und um Ostberlin. Von meinem Platz blicke ich auf das Wasser und auf die Wälder, die im Schein einer müden Wintersonne liegen. Hungrige Möwen, von der Ostsee ins Binnenland verschlagen, umkreischen die beiden Motorboote, welche den Verkehr mit den zahlreichen Anwesen und Gaststätten an den Ufern vermitteln und immer neue Trupps von Ausflüglern abladen. Meistens Sachsen, die von ihren Betrieben hierher zur Erholung geschickt worden sind. Sie wohnen in Ferienheimen, die „Klara Zetkin“ oder „Egon Erwin Kisch“ heißen. Die Familie an meinem Tisch stammt nicht aus Sachsen. Sie stammt aus Berlin. Der Mann erzählt, daß er am Alexanderplatz wohnt, jedoch seinen Betrieb in Charlottenburg habe. Ein Sonderfall also. Es geht ihm nicht schlecht dabei. Auto, Wochenendhaus und Segelboot sorgen für Freizeitgestaltung. Wir essen nach der Karte, Aal grün mit Gurkensalat, danach Obsttorte mit Sahne und Mokka für zusammen 6,80 Mark Ost.

„Hier reden sie auch nur noch sächsisch und russisch.“ Der Mann sagt es mit jenem sarkastischen Unterton, der von vornherein Solidarität mit mir herstellen will. „Sie kommen aus dem Westen .. ?“

Ich erzähle ihm, daß ich seit einem Vierteljahrhundert zum erstenmal wieder am See bin. „Lange her“, meint er.

Seit zwei Tagen bin ich im Osten, am Scharmützelsee, der einmal ein Begriff war für jeden Berliner. An seinen Ufern liegen Bad Saarow und auch das Dörflein Pieskow, von dem schon Fontane behauptete, daß dort „nicht mal ein Grabstein von besseren Zeiten redet.“ Die alte Pieskower Kirche, die er in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg beschreibt, steht noch. Und Grabsteine gibt es heute dort genug und sie reden ihre eigene Sprache. Auf einem steht: „Harry Liedke und seine Frau Anneliese t Ende April 1945.“