Ausbau zu langsam – 4300 Kilometer sollen in 20 Jahren entstehen – Anschluß an die europäischen Schnellverbindungen

Von rund 7900 Kilometern Autobahnen, die auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik geit waren, sind bis zum Kriegsende nur rund 100 Kilometer fertiggestellt worden. In den letzzehn Jahren sind etwa 60 Kilometer (größtenteils einbahnige Strecken) hinzugekommen. Durch das Verkehrsfinanzgesetz, dessen Behandlung der Bundestag leider fortwährend verzögert und verleppt, soll der Bau von 590 Kilometern innerhalb von sieben bis zehn Jahren sichergestellt wern. Weitere 293 Kilometer sind in dem Programm enthalten gewesen, jedoch nicht in den Gesetzentrf übernommen worden. Schließlich enthielt das Bundesverkehrsministerium ausgearbeitete Programm zweiter Dringlichkeit noch 1300 Kilometer, so daß sich als äußerstes, vielleicht im Verlaufe von zwei Jahrzehnten, ein Autobahnnetz von ungefähr 4300 Kilometern Gesamtlänge ergeben werde, während Vorkriegsplanungen in einer Gesamtlänge von 3600 weiteren Autobahnkilometern entgültig fallengelassen werden sollen.

Autobahnen, die uns nie erreichten

Mehr als diese Zahlen sagt ein Blick auf unsere Karte, die das noch unvollkommene Autobahndreieck des Ruhrgebietes zeigt. Es wird gebildet aus der westlichen und nördlichen Ruhrtangente (Autobahn Köln–Hamm) und der noch nicht ausgebauten südlichen Ruhrtangente von Köln nach Kamen. Den ersten Abschnitt dieser südlichen Dreiecksseite bildet das 23 Kilometer lange Autobahnstück von Leverkusen nach Remscheid (Lennep), das im Kriege kurze Zeit befahren wurde, dann aber wegen der Zerstörung von vier großen Talbrücken acht Jahre lang stillgelegt war. Es ist im Wuppertaler Volksmund die „Autobahn, die uns nie erreichte“. Das unvollendete Autobahndreieck des Ruhrgebietes wird aber sehr bald im Mittelpunkt der westeuropäischen Verkehrsplanung stehen; die Bundesrepublik wird sich den Wünschen Belgiens und der Niederlande kaum verschließen können und die Lücke im Netz der wichtigsten europäischen Durchgangsstraßen schließen müssen.

Für den innerdeutschen Verkehr ist die südliche Ruhrtangente als Teilstück auf dem Wege von Norddeutschland nach Köln und Bonn besonders wichtig. Der Autofahrer, der Zeit und Ärger sparen will, muß heute den Umweg der Autobahn auf der nördlichen und westlichen Ruhrtangente hinnehmen; er braucht für das 125 Kilometer lange Stück von Kamen über Oberhausen nach Köln-Mülheim anderthalb Stunden. Verläßt er dagegen in Dortmund die Autobahn, um über Hagen und die östlichen Ausläufer von Wuppertal zu dem Autobahnzweig in Remscheid vorzustoßen, so ergibt sich zwar eine Ersparnis von 24 Kilometern, er wird aber bestimmt eine Stunde später in Köln eintreffen. Denn die Bundesstraßen 54, 7 und 51, die zwischen Dortmund und Remscheid die südliche Ruhrtangente vorläufig ersetzen, sind eine einzige Kette von Verkehrsunfällen.

Diese Bundesstraßen haben Gefälle bis zu 11 vom Hundert, sie sind viel zu schmal für den unerhört dichten Verkehrsstrom, der schon bei der letzten amtlichen Zählung vor anderthalb Jahren zwischen Hagen und Schwelm 5950 bis 6740 Fahrzeuge pro Tag erreichte und heute noch um etwa 25 v. H. stärker sein dürfte. Das bedeutet, daß hier schon jetzt viel mehr Verkehr herrscht als auf den meisten deutschen Autobahnen. Die Fahrbahn wird außerdem zwischen Hagen und Wuppertal noch durch breite Straßenbahngleise eingeengt, die häufig von rechts nach links hinüberwechseln.

Wenn also die Autobahnstrecke von Remscheid über Wuppertal–Hagen nach Kamen in 60 Kilometer Länge mit einem Aufwand von mindestens 140 Millionen DM ausgebaut sein wird, dann ergibt sich nicht nur eine weitere Einsparung von insgesamt 34 Kilometern (gegenüber der alten Autobahnstrecke Köln–Mülheim–Kamen) auf dem Wege von Köln nach Norddeutschland, sondern gewiß auch eine wesentliche Entlastung des Ruhrschnellweges und hoffentlich auch eine spürbare Herabsetzung der Unfallquote in diesem dicht besiedelten Gebiet.