Seit einigen Tagen besitzt die Hansestadt Lübeck einen Heiratsvermittlungsautomaten. Er steht an der Haltestelle vor dem Hauptbahnhof und verrät wie andere Automaten mit Leuchtschrift, was er in sich hat – dort „Süßigkeiten“, hier „Bekanntschaften“ – und ist wie sie durch „Selbstbedienung“: Einwurf zweimal 1 DM-Westgeld – bei Versagen Knopf drücken – zu handhaben. Es gibt auch einen Geldrückgabeknopf, der fast jedes Risiko eines Verlustgeschäfts ausschließt.

An Stelle von Bananen oder Bonbontüten zeigt das Schaufenster der zwölf Fächer jeweils eine Karte, auf der unter laufenden Nummern in Stichworten die Personalien von „Damen und Herren verschiedenen Alters“ angegeben sind. Wer für eine Bekanntschaft oder einen Lebensgefährten den Einsatz von zwei DM-West nicht scheut, findet in dem Fach, dessen Offerte ihm zusagt, einen Umschlag mit Chiffre-Adresse. Nähere Auskunft gibt der Automatenbesitzer.

Lübeck ist die erste deutsche Stadt, die diese amerikanische Erfindung einführte. Auch das altertümliche Holstentor und die anderen Reste mittelalterlicher Vergangenheit können von nun an den Besucher nicht mehr darüber hinwegtäuschen, daß er sich in einer fortschrittlichen Stadt befindet.

Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen einem solchen Vermittlungsautomaten und einer üblichen Annonce? Logisch ist keiner zu finden. Allenfalls gefühlsmäßig: die Promptheit der Geschäftsabwicklung. Hie zwei DM, dort... Aber einmal haben Gefühle nichts mit Geschäften zu tun, und dann: Es kommt ja schließlich nur eine Antwort und nicht der gewünschte Partner aus dem Automaten. Bei solcher Überlegung könnte man höchstens an der Vollkommenheit der amerikanischen Erfindung zweifeln.

Natürlich kann man das Ganze nur als eine Spielerei für Neugierige oder für gelangweilte Reisende zwischen zwei Zügen nehmen. Wenn sie dann wirklich jemals ernst werden würde, welch köstlich neue Möglichkeiten ergäben sich daraus für die Quizfragen kommender Jahrzehnte, zum Beispiel: „Das ideale Automatenbrautpaar...“ Schließlich steckt auch dieser Apparat noch in den Kinderschuhen, und es ließe sich noch manches zu seiner Vervollkommnung erdenken. Sollte zum Beispiel für den hohen Einsatz nicht noch eine dezente Musikbegleitung bei der Öffnung des Wunschfaches möglich sein – ein Hochzeitsmarsch oder wenigstens einige gefühlvoll gesprochene Dichterworte aus dem Schatze abendländischer Liebeslyrik ...

M. Z.