Von Pando Efti

Vor vielen, vielen Jahren hatte ein alter Kadi über einen äußerst schwierigen Fall zu entscheiden. Ein fünfjähriges Kind seiner Gemeinde – der kleine Ben Ali – hatte seine Eltern verloren und mußte zur Adoption gegeben werden. Da aber der kleine Ben Ali ein äußerst intelligentes Kind von seltener Schönheit war und da er außerdem unter einem besonders günstigen Stern das Licht der Welt erblickt hatte, wollte ihn der Kadi nicht irgendeinem Manne anvertrauen, sondern nur einem Gläubigen, der für sein’Wohl gewährleisten konnte.

Zu Hunderten meldeten sich die Bewerber aus allen Gegenden des Islams. Der alte Kadi, der ein sehr weiser Mann war und eine tiefe Menschenkenntnis besaß, hatte es verhältnismäßig leicht, solange es sich darum handelte, die Unwürdigen auszuschalten. Die eigentlichen Schwierigkeiten begannen erst, als er seine Wahl unter den letzten vier Bewerbern zu treffen hatte: einem steinreichen Kaufmann, einem ruhmreichen Krieger, einem allwissenden Gelehrten und schließlich einem bettelarmen Fellachen.

Der verantwortungsbewußte Kadi ließ die vier ein letztes Mal vor sich treten und forderte sie auf, vor der versammelten Gemeinde in eigener Sache zu sprechen.

Als erster sprach der steinreiche Kaufmann: „Ich bin der reichste Kaufmann des Morgenlandes, Kadi. Meine Karawanen umfassen Hunderte von Kamelen. Ben Ali wird in den duftendsten Ölen des Libanons gebadet und auf den molligsten Teppichen aus Täbris spielen. Er wird Kleider aus den teuersten Geweben von Damaskus und Schuhwerk aus den weichsten Ledern aus Marokko tragen. Der beste Koch aus Izmir wird für die Genüsse seines Gaumens sorgen und eines Tages werden die schönsten Weiber aus Istanbul seinen Harem schmücken. Ich werde Ben Ali beibringen, wie man ein Leopardenfell gegen drei Bucharateppiche eintauscht und wie man mit einem Bucharateppich drei Leopardenfelle erwirbt. Gib mir Ben Ali, Kadi, und ich werde aus ihn den reichsten Mann der Welt machen!“

Dann sprach der ruhmreiche Krieger: „Ich bin der tapferste und gefürchtetste Krieger des Rifs, Kadi. Ich und meine Kabylen sind der Schrecken der ungläubigen Hunde. Ich werde Ben Ali an das harte Leben des Kriegers gewöhnen. Der heiße Sand der Wüste und die glühenden Strahlen der Sonne werden ihn hart wie den Stahl und geschmeidig wie die Gazelle machen. Sein Schwert wird schärfer als der Fluch und sein Pferd schneller als der Ghibli sein. Gib mir Ben Ali, Kadi, und ich werde aus ihm den besten Heerführer des Islams machen. Er wird die Scharen des Islams zum Siege führen und unsere Brüder von dem Joch des Giaurs befreien!“

Als dritter ergriff der allwissende Gelehrte das Wort: „Ich werde Ben Ali lehren, wie die Kräuter die Wunden des Körpers und die Geduld die Wunden der Seele heilen. Ich werde ihm die Geheimnisse der Sterne enthüllen. Und ich werde ihn so lange im Kitab lesen lassen, bis er, wie noch kein Gläubiger, die Allmächtigkeit Allahs und die Weisheit des Propheten begriffen hat. Gib mir Ben Ali, Kadi, und ich werde aus ihm den gelehrtesten und weisesten Kalifen machen, den je der Islam besessen hat. Er wird die Größe Allahs und das Wort des Propheten weit über die Grenzen des Islams verkünden und somit unzählige Ungläubige von der Verdammung erretten!“