Karl Friedrich Borees Roman: Frühling 45

Das Ende des letzten Krieges ist ein Stoff, den der Schriftsteller Karl Friedrich Boree schon einmal, in seinem 1949 erschienenen Buch gestaltet hat. „Ein Abschied“ galt Ostpreußen; Untergang einer Kulturlandschaft, die wieder „geschichtlos, Geologie“ wird, Seinem neuen Buch überstellt Borée das Datum jener Zeit als Titel. Er lautet:

Karl Friedrich Borée: „Frühling 45.“ Chronik Familie. Roman, 463 S. Franz Schneekluth Verlag, Darmstadt. 15,80 DM.

Der „Chronist“ ist ein älterer, eben noch volkssturmpflichtiger Mann namensStein, Schriftsteller von liberal-fortschrittlicher Denkart. Einer von denen, die, wie er selbst sagt, das Naziregime ablehnten und sich auf einen privaten Bereich des guten Willens zurückzogen. Stein evakuiert mit Frau und Tochter aus der City in einen Berliner Villenvorort, wo die Familie die letzten Schrecken des Krieges mit heiler Haut übersteht. Nach einer kurzen Interimszeit russischer Besetzung und deutschkommunistischer Ortsverwaltung treten mit dem Besatzungswechsel Erleichterungen ein und persönliche Belange in den Vordergrund: Man etabliert sich fest in der Villa des geflüchteten Nazibonzen, die Tochter verlobt sich mit einem englischen Offizier, und der Chronist, endlich befreit von Druck und Angst der Diktatur- und Kriegsjahre und erfüllt von dem Gefühl, daß nun ein neues Leben beginnt, möchte ein spätes Liebeserlebnis mit einem jungen Mädchen in einer Art nebenehelicher Institution festhalten. Mit vager Hoffnung und viel Zweifeln am Neubeginn des Lebens endet das Buch: „Jeder greift nur nach den umherschwimmenden Planken ...“

Aus der Fülle der naturalistisch dargestellten Erlebnisse sind uns viele Situationen vertraut, auch mögen wir sie ähnlich empfunden haben. Doch ein Abstand von zehn Jahren liegt zwischen uns und dem Stoff und erhebt Anspruch auf eine Gestaltung, aus der sich durch einen Bezug auf die Gegenwart eine Aussage ergäbe. Mindestens diese: „Das haben wir, die Berliner erlebt“ – nicht aber: „So habe ich es erlebt“ müßte und könnte bei der Fülle der Materie am Ende da sein. Doch die Zeit, die in Borees Erzählung „Ein Abschied“ fühlbar, zwingend die Geschehnisse umgab und bewirkte, bleibt im „Frühling 45“ ein aus vielen, wenn auch lebendig erzählten Episoden zusammengesetzter Stoff, der sich nicht elementar mit den persönlichen Erlebnissen verbindet. Diese „Chronik einer Berliner Familie“ ist zugleich so wahr und so zufällig, privat und unverbindlich wie ein Foto.

Er macht dabei einen leisen, dennoch peinlich fühlbaren Unterschied zwischen dem verfeinerten eigenen Egoismus und dem unsympathischeren Selbsterhaltungstrieb kleiner Zeitgenossen.

Damals haben wir alle so subjektiv unterschieden – heute sollten wir uns bei der Darstellung unserer Vergangenheit entweder mit der bloßen Reportage begnügen, oder aber einen Schritt weiter gehen als der Autor und an Stelle einer mittelmäßigen, ergebnislosen Dialektik der Moral eine präzise, geformte Aussage setzen. Ruth Lutz