Am 13. Januar hat Dr. Robert Ernst, der ehemalige Oberbürgermeister von Straßburg, wieder deutschen Boden betreten. Nach neuneinhalbjähriger Haft hatten sich die Tore des Prison du Cambout zum letzten Male hinter ihm geschlossen. Dem Tribunal Militaire hatte man für diesen Fall eine besondere Struktur gegeben. Dem Präsidenten waren außer den vorgeschriebenen sechs Offizieren zwei zivile Richter zugeteilt worden. Dadurch wollte man zum Ausdruck bringen, daß es sich nicht um einen „Kriegsverbrecherprozeß“ im üblichen Sinne handelte, sondern daß Ernsts Vergehen auch zivilen Charakter trage.

Die Anklage hatte der langjährige Indochinakämpfer und Commissaire du Gouvernement Henriet übernommen. Die Verteidigung führte der elsässische Advokat Eber.

Obgleich der Präsident zu Beginn des Prozesses betonte, daß politische Fragen zurückgestellt werden sollten, wurde eine Reihe von elsässischen Problemen angeschnitten. Als besonders schwerwiegendes Delikt wurde die Anwerbung von elsässischen Freiwilligen für die deutsche Wehrmacht betrachtet, da nach französischer Rechtsauffassung die Anwerbung von Franzosen für die Armee einer mit Frankreich im Kriegszustand befindlichen Macht ebenso bestraft wird wie Spionage. Dr. Ernst verteidigte sich mit dem Argument, von Gauleiter Wagner sei ihm versichert worden, die Vichy-Regierung habe das Elsaß an Deutschland abgetreten. Deshalb habe er die Elsässer als Deutsche betrachtet. Über den „Elsässischen Hilfsdienst“ befragt, berichtete er, ein Anschluß dieser Organisation an die Partei und die Errichtung eines Spitzelsystems sei ihm nie in den Sinn gekommen. Von der Verteidigung waren Zeugen aus Kreisen des öffentlichen und privaten Lebens geladen worden. Vom General der deutschen Wehrmacht bis zum elsässischen Bauern wurde von allen Zeugen die Treue des Angeklagten zum Elsaß hervorgehoben.

Am dritten Tag des Prozesses hielt der Staatsanwalt seine Anklagerede: Der Elsässische Hilfsdienst sei eine Spitzel- und Hilfsorganisation der Partei gewesen. Die Freiwilligenwerbung von Elsässern müsse als Beihilfe zum Landesverrat angesehen werden, da das Elsaß besetzt, aber nicht annektiert gewesen sei. Ernst sei mitverantwortlich für die Zwangsrekrutierung, Inhaftierung und Deportation von Elsässern.

Der Staatsanwalt bedauerte, daß Dr. Ernst sich so lange in Untersuchungshaft befunden habe und stellte das Strafmaß in das Ermessen des Gerichts. Der Verteidiger bat um ein Urteil, das die Franzosen von der Gerechtigkeit ihrer Justiz überzeuge und die Deutschen nicht enttäusche.

Es erfolgte kein Freispruch, sondern eine Strafe, die fast an die neunundeinhalb Jahre der Untersuchungshaft heranreicht. Ein milderes Urteil hätte die Frage des Schadenersatzes für unbillig erlittene Haft akut werden lassen. Sollte es sich hier um ein in einem anderen als dem üblichen Sinne „billiges“ Urteil handeln? B.