Hg., Wien, im Januar

Zu Jahresanfang stand die österreichische Zahlungs- und Devisenbilanz im Zeichen einer zunehmenden Entspannung. Vorher waren die anhaltenden Ausfuhrüberschüsse seit Februar 1954 maßgeblich an der Aufblähung des Notenumlaufs beteiligt. Der Gesamtumlauf (Banknoten einschließlich der freien Verbindlichkeiten) stieg in den ersten 10 Monaten 1954 von 13,1 auf 15,5 Mrd. S. an. Im Oktober war nach längerer Unterbrechung erstmalig wieder ein Einfuhrüberschuß zu verzeichnen, und auch die Abrechnung mit den EZU-Ländern ergab in den letzten drei Monaten ein steigendes Passivum. Diese Umkehr brachte die Geldumlaufvermehrung zum Stillstand, und im November sank der Gesamtumlauf um 66 Mill. S. Auch die Devisenbestände gingen in diesem Monat um eine halbe Milliarde auf 9,46 Mrd. S. zurück, eine Entwicklung, die keineswegs besorgniserregend ist, weil dieses Polster noch immer mehr als ausreichend erscheint. Der plötzlich auftauchende Einfuhrüberschuß ist in erster Linie auf verstärkte Importe von Agrarerzeugnissen zurückzuführen, infolge der nur mittelmäßig ausgefallenen Ernte. Aber auch sonst nehmen die Einfuhren unter dem Einfluß der Liberalisierung zu und lagen im Oktober um 60 v. H. über der Vorjahrshöhe. Diese zusätzliche Gütermenge trägt dazu bei, daß die Preisauftriebstendenzen aufgefangen werden können. Die Großhandelspreise sind nämlich in den letzten zwölf Monaten um 7,7 v. H. gestiegen, so daß die Bekämpfung der Preiserhöhungen wieder zur vordringlichsten wirtschaftspolitischen Aufgabe geworden ist.

Die Konjunkturlage trägt verschiedentlich gemeinsame Züge mit jener der Bundesrepublik. Der Beschäftigtenstand lag im November mit 2,05 Mill. um 68 000 über der Höhe des Vergleichsmonats 1953. Auch die Arbeitslosigkeit stieg bisher in einen, geringeren Umfang an als in den vergangenen Jahren. Sie lag mit 177 500 vorgemerkten Stellensuchenden um 27,2 v. H. tiefer als im Dezember 1953. In zunehmendem Maße zeichnen sich Engpässe ab, sowohl bei einzelnen Gruppen von Facharbeitern als auch einigen Waren. Bei Holz schritt man daher zu einer Kürzung der Exporte um ein Fünftel; doch sind verschiedene Kreise bestrebt, diese neuerlich eingeführten Bewirtschaftungsmaßnahmen noch weiter auszudehnen, obwohl handelspolitische Vergeltungsmaßnahmen der Partnerländer zu befürchten sind...

Überaus günstig verlief im vergangenen Jahr die Entwicklung des Fremdenverkehrs. In der Saison vom 1. November 1953 bis 31. Oktober 1954 erreichten die valutarischen Einnahmen daraus 2 Mrd. S. und übertrafen die Saison 1952/53 um 34 v. H. Der westdeutsche Besucherstrom konnte hierbd seinen Anteil an den Ausländerübernachtungen von 51 auf 57 v. H. steigern und ist bei weitem die stärkste Säule dieser Einnahmequelle.