g. b., Kehl

Wer in Kehls Rathaus den Bürgermeister verlangt, wird zu Fritz Koch geschickt. Doch der über 60jährige Kaufmann ist gar nicht der amtliche Stadtvater. Als erster Beigeordneter trägt er seit 27 Monaten ehrenamtlich die Bürde, für die der eigentliche Bürgermeister Dr. Ernst Marcello sein Gehalt erhielt, ohne daß man ihn in dieser Zeit auch nur einmal im Rathaus gesehen hätte.

Wie es dazu kam? Als im Jahre 1951 die Franzosen begannen, die Stadt freizugeben, suchte man einen tatkräftigen Mann, der in der Lage war, die Geschicke der Grenzstadt am Rhein energisch in die Hand zu nehmen. Die Stadt hatte bis dahin ein Leben hinter Stacheldraht geführt. Den Franzosen hatte sie als Ausweichquartier für die Wohnungsnot in Straßburg herhalten müssen. Dr. Ernst Marcello griff zu. Aber nicht nur das. Er überwarf sich gleichzeitig bald mit dem gesamten Stadtrat und der Rathausbelegschaft. Das war zwar sein einziger Fehler, aber die Spannungen wurden so unerträglich, daß er vom Landratsamt suspendiert werden mußte. Dr. Marcello ging in die „Emigration“. Sein Gehalt ließ er sich prompt nach Grießen bei Waldshut nachschicken. Ein Bürgermeister ohne Stadt... aber mit Gehalt.

Seit Jahr und Tag versucht nun die Stadt Kehl diesem unerträglichen Zustand ein Ende zu bereiten. Doch Dr. Marcello bleibt hart. Er tritt nicht ab. Auch nicht für eine Entschädigung in Höhe von 35 000,– DM. Man würde ihm auch ganz gerne bis zum Ablauf seiner Amtszeit sein Gehalt weiterzahlen, wenn er offiziell abträte. Aber Dr. Marcello blieb sogar unerbittlich, als ihm die Landesregierung anbot, als Regierungsrat auf Lebenszeit in den Staatsdienst einzutreten. Man wäre zu jedem Opfer bereit, nur um wieder einen neuen Bürgermeister wählen zu können, den die Stadt so dringend braucht.

In Kehl fragt man sich, ob Dr. Marcello auf die Verabschiedung der neuen Gemeindeordnung für Baden-Württemberg wartet, weil ihm dann nämlich nicht nur sein Bürgermeistergehalt für neun Jahre, sondern auch eine lebenslängliche Pension sicher wäre.