Von Max Brod

Der dritte und letzte Band der Erzählungen Werfels, der soeben im Verlag S. Fischer erschienen ist, enthält eine Überraschung. Es geht aus ihm unzweifelhaft hervor, daß Werfel zu einer bestimmten Zeit seines Lebens durch eine deutlich jüdisch-nationale Periode hindurchgegangen ist. Die zionistische Zielsetzung und Endlösung bleibt ihm allerdings auch in diesem Stadium seiner Entwicklung fremd. Er überkompensiert sie durch eine extreme Betonung der jüdischen Eigenart, indem er die besonderen jüdischen Charakterkennzeichen den anderen Bevölkerungsschichten gegenüber (und zwar sowohl die guten wie die schlechten Kennzeichen) scharf herausstellt und für alle Assimilationsversuche nichts als Hohn übrighat. – Diese Stimmung umfaßt, wie aus den Anmerkungen zum vorliegenden Band klar wird, die Jahre der sich gegen Österreich heranwälzenden Hitlergefahr, die Zeit der Flucht Werfels aus Österreich nach Frankreich und der weiteren Flucht nach Amerika. Sie scheint auch noch die erste amerikanische Epoche des Dichters zu beherrschen. Dann verliert sich ihre aggressive Bitterkeit in den christianisierenden Tendenzen der letzten Bücher, der „Bernadette“ und des „Sterns der Ungeborenen“, die beide subtile und dabei großzügige Meisterwerke, aber für das jüdischen Problem sogar irrelevant und sogar abwegig sind.

„Erzählungen aus zwei Welten“. Dritter Band. (S. Fischer Verlag, Frankfurt. 21,50 DM.

nennt sich das von Adolf D. Klarmann herausgegebene Buch. Die Handschriften hat die Witwe des Dichters, Frau Alma Mahler-Werfel,in „unermüdlich selbstloser Arbeit“, wie dem Vorwort zu entnehmen ist, zum Druck vorbereitet. Wie alle Bände des Werfelschen Lebenswerkes ist auch dieser ihr gewidmet.

Den Hauptteil des Buches bilden zwei große Prosawerke. Das eine „Eine blaßblaue Frauenschrift“ ist ein Kurzroman von 90 Seiten. Er stellt das Positivste dar, was Werfel je zur Schilderung der jüdichen Eigenart geschaffen hat. Die eigentliche Heldin der Erzählung, Vera Wormser, Tochter eines vielbeschäftigten Wiener Arztes, ragt durch die Vornehmheit ihrer Gesinnung hoch über den nichtjüdischen Ministerialbeamten hinaus, der sich einst an ihr versündigt hat und nun als „Ich“ die ganze Geschichte dieser Beziehung aufrollt. – In fast allem ist er von einem seltsamen jüdischen Minderwertigkeitskomplex behext: die Juden, die in seinem riesenhaften Oeuvre auftreten, wirken meist karikiert (sofern es sich um Menschen der Gegenwart, nicht um historische Figuren handelt), manchmal sind sie als Zerrbilder rührend hinfällig, mit einer gewissen morbiden Zärtlichkeit hingetuscht – meist aber verachtenswerte Scheusale, mit dem ganzen Selbsthaß gesehen, der so oft Kritikern des eigenen Volkstums anhaftet, In dieser Hinsicht hebt sich Vera Wormser aus der Fülle Werfelscher Judengestalten als Unikum hervor: sie ist von edler Haltung des Intellekts wie des Gefühls, unbeirrbar, selbstlos, gegen Beleidigungen immun, weil von natürlichem Stolz erfüllt. Kein „zerbrochener Judentyp“, sondern mit gesunder Vernunft durchaus ihres Wertes bewußt; dabei zurückhaltend, unaufdringlich, mild verzeihend, vor allem auch schön, von bezaubernder Anmut. „Ich weiß, daß ich niemals eine feinere, zierlichere Erscheinung gekannt habe“, berichtet der erzählende Herr.

Werfel demaskiert die hohle Welt der Etikette und Streberei, Sie erscheint in der Form, die sie vor der Invasion Hitlers angenommen hat; im-Schlußkapitel, einem der amüsantesten, die Werfel geschrieben hat.

Diese wunderbare Erzählung, im Bau, in der Erfindung, in der Wärme des Herzens, im blitzartig erhellenden Detail gleicherweise klassisch, ist bisher (laut Anhang des Buches) nur in Buenos Aires 1941 erschienen. – Ich erinnere mich allerdings, sie auch im New Yorker „Aufbau“ gesehen zu haben. Um so wichtiger, daß wir die prägnante Schöpfung, ohne die Werfels Charakterbild unvollständig wäre, nun auch in aufbewahrender Buchgestalt besitzen.