Daß totalitäre Staaten sich nach außen als monolithische Blöcke darzustellen lieben, ist Teil ihrer Propaganda, ihrer Lebenslüge gewissermaßen. Je schwächer ihr Gefüge, desto entschiedener das Bestreben, eine Geschlossenheit vorzuspiegeln, die jeden Angriff als hoffnungslos erscheinen lassen soll. Sieht man genauer zu, so zerfällt die Einheit in eine ebenso große Zahl von Gruppen, Klassen, Interessen, wie in jeder freiheitlichen Ordnung auch; sie sind zwar gewaltsam unterdrückt, aber eben das verleiht ihnen unter Umständen eine explosive Gewalt. Auf 15 Millionen schätzt man in Sowjetrußland die Zahl der Gegner des Regimes, die in den Straflagern Zwangsarbeit tun, von den Verbannten gar nicht zu reden. Heute sind sie zu einem Teil der Ordnung des Sowjetsystems geworden, einem wesentlichen sogar, denn ihre Leistung ist ein unentbehrlicher Faktor der russischen Wirtschaft. Politisch sind die Herde des Widerstandes, durchsetzt von Untergrundgruppen, wohlunterrichtet über alles, was vorgeht durch den steten Fluß der Insassen aus allen Teilen der Sowjetunion. Viele Deutsche sind dort, und zwei von ihnen, beide wie es sich trifft Ärzte, und kürzlich entlassen, haben über das, was sie sahen, ungewöhnliche Berichte vorgelegt.

Wilhelm Starlinger: „Grenzen der Sowjetmacht.“ Beiheft IX zum Jahrbuch der Albertus-Universität Königsberg, Holzner-Verlag, Kitzingen, 121 S. 6,50 DM.

Joseph Scholmer: „Die Toten kehren zurück.“ Bericht eines Arztes aus Workuta. Verlag Kiepenheuer Witsch, Köln, 292 S., 9,80 DM.

Das Leben in den Straflagern ist in den letzten Jahren ein wenig erträglicher geworden. Die Arbeitsnorm geht zwar noch immer bis zur Erschöpfung aller Kräfte, aber das Prügeln, Foltern und Morden, das in den ersten Nachkriegsjahren im Wettstreit mit den Strapazen ganze Lager in kurzer Zeit dahinraffte, ist selten geworden. Man geht mit den Gefangenen pfleglicher um, nicht aus Humanität, aber weil man ihre Arbeitskraft aufs dringlichste braucht. Nicht nur über den Gefangenen, über der Lagerleitung selbst steht das verhängte Soll als unbarmherzige Forderung.

Das Sowjetsystem, so scheint es, ist heute unter das gleiche Gesetz ökonomischer Notwendigkeit geraten, von dem es die Selbstzerstörung der kapitalistischen Ordnung mit Zuversicht erwartete. Seine Produktivität reicht nicht aus. Da ihm der freie Wettbewerb fehlt, braucht es den Zwang als Motor und eine aufgeblähte selbst wieder unproduktive Bürokratie, um ihn durchzusetzen. Jener ist weniger wirksam, diese weit größeren Fehlern unterworfen, als das Gesetz der Freiheit. „Glauben Sie nicht“, so sagten russische Gewährsleute zu Starlinger, „daß das... Durcheinander der Arbeitsgänge, diese Belieferungsstockungen, abwechselnd mit Arbeitshetze und Lieferung von Ausschußware (die nur abgenommen wird, weil sie abgenommen werden muß), der Wechsel von Übernorm und Arbeitsanfall etwa nur hier im Lager die Regel ist. Genau dasselbe, in viel größerem Maßstab spielt sich zur gleichen Zeit in unzähligen Fabriken außerhalb der Palisaden ab“. Hätte man nicht den totalen Arbeitsterror und das Stachanow-System und auf der anderen Seite den gewaltigen natürlichen Reichtum, der Bankrott des Systems wie des Landes wäre längst offenbar. Nur rücksichtslose Ausbeutung hält es im Gang und der Raubbau an dem, was Rußland in unerschöpflichem Maße zu besitzen schien, an seinen Menschen. Aber so unzählige Millionen sind nicht nur dem Krieg, sondern der Revolution, dem politischen Terror und Bauernmord, der Ausrottung ganzer Stämme und der Zerstörung der Familie zum Opfer Erfallen, daß man in Moskau nicht wagte, das Ergebnis der Volkszählung nach dem Krieg zu veröffentlichen. Man zog es vor, ihren Leiter, einen Mann im Ministerrang, wegen „Sabotage“ zu erschießen.

Wird das System den Wettlauf gegen die Unrentabilität seiner Wirtschaft gewinnen können? Professor Starlinger glaubt, wenn überhaupt, so nur durch Wiederherstellung des totalen Terrors, und der setze die Herrschaft eines alleinigen Führers nach dem Bilde Stalins voraus. Er sieht ihn nicht in Malenkow, sondern im Sieger eines künftigen Machtkampfs-zwischen Chruschtschew und der Armee. Der werde der Friedenssehnsucht des russischen Volkes entgegenkommen und, um Frieden zu erhalten, bereit sein müssen, dem Westen „Pfänder“ zu geben, die heute noch keiner des Führungskollektivs sich stark und sicher genug fühlt anzubieten. Der Westen muß sie fordern, und er wird um so eher Erfolg haben, je stärker er ist. Für Deutschland, so schließt Starlinger, bleibe nur, seine Macht im Bündnis mit Amerika mit aller Energie aufzubauen.

Und wenn die Auseinandersetzung in der sowjetischen Führung auf sich warten läßt? Dann werde Moskau nichts übrigbleiben, als eine echte, gleichzeitige Überwindung der drei Engpässe der Produktion, Landwirtschaft, Konsumgüter und Schwerindustrie, und diesen Versuch scheint man zur Zeit zu machen. Sollten die Sowjets dazu schreiten, auf den gewaltigen Goldhort von Kolima zurückzugreifen, der mit Fort Knox vergleichbar sein soll, um Handelsgüter zu erwerben, die sie durch ihre eigene Produktion nicht kompensieren können, so wäre das, wie Starlinger meint, ein Zeichen, daß ihre Lage ernst ist und daß Krieg und Machtkampf zurückgestellt sind.

Daß der Diktatur des Proletariats die klassenlose Gesellschaft folgen werde, davon ist in Rußland nichts zu spüren. In Bauern und Zwangsarbeitern ist eine neue unterdrückte Klasse entstanden, ein fünfter Stand, auf den alle Attribute und alle Prophezeiungen der Marxschen Lehre zutreffen (denen der Arbeiter der kapitalistischen Ordnung längst entwachsen ist), unmenschlicher geknechtet und ausgebeutet als je das Proletariat, eine Klasse, die wahrhaft nichts zu verlieren hat als ihre Ketten. Der erfolgreiche Streik im Straflager Workuta, nicht lange nach dem Aufstand des 17. Juni, den Dr. Scholmer miterlebte, war etwas Ungeheuerliches, Er war eine erste Warnung, und das Regime, das sich merkwürdig milde zeigte, scheint sie begriffen zu haben. Volkmar v. Zühlsdorff