Daß eine Neuauflage der großen, illustrierten Völkerkunde von Hugo Bernatzik sich so bald schon als notwendig und verlegerisch durchführbar erwiesen hat, ist nicht nur ein Beweis für den Wagemut des Verlages, sondern wohl auch ein Zeichen für das Bestehen einer echten Anteilnahme an den Fragen der Ethnologie und Ethnographie. Und zwar in breiteren Schichten, denn das umfängliche Werk wendet sich – ungeachtet seiner wissenschaftlichen Fundierung – in erster Linie an den interessierten Laien, der ein orientierendes, zusammenfassendes Bild zu gewinnen sucht und auf den gelehrten Ballast der eigentlichen Forscherarbeit verzichten kann. Diesem Zweck dient auch ganz bewußt die reiche Fülle der Illustrationen, die Bernatzik, selbst ein hervorragender ethnographischer Photograph, für die geplanten drei Bände zusammengestellt hat:

Hugo Bernatzik: Neue große Völkerkunde (Erster Band: Europa-Afrika. 592 S., 227 Bildtafeln und Karten. Preis 39,50 DM). Herkul-Verlagsanstalt, Frankfurt.

Die Zeiten sind vorbei, wo ein einzelner das gesamte Material aus Jahrzehnten der Forschung zu überschauen und zu beherrschen vermochte, wie etwa noch der alte Ratzel, dem die Jugend der Jahrhundertwende ihr völkerkundliches Wissen verdankte. Schon Buschan zog vor dem ersten Weltkrieg für einzelne Teile seiner sehr gründlichen Völkerkunde Mitarbeiter heran, und Bernatzik mußte den gleichen Weg einschlagen; er verband sich weitgehend mit seinen österreichischen Kollegen, den Ethnologen der Wiener Universität.

Bei uns in Europa ist der einstige Reichtum an urtümlichen Bräuchen und charakteristischen Lebensformen jedes einzelnen Stammes durch die fortschreitende, zivilisatorische Nivellierung und Vermassung betrüblich zusammengeschmolzen und eigentlich nur noch abseits der großen Straßen und Städte als echter Bestandteil des Daseins einer Gemeinschaft lebendig, hier allerdings mit einer Zähigkeit aus heidnischen oder frühchristlichen Tagen in die Welt des Heute hinübergerettet, die dem nüchternen Zweckdenken unbegreiflich erscheinen muß, aber ihre Erklärung im unzerstörbaren Fortleben animistischer Vorstellungen findet. Es ist schwer, die völkerkundlichen Zeugnisse zu retten und zu sammeln, die uns das dunkle Geheimnis der Kultbräuche und die Hintergründe seltsamer sozialer Einrichtungen in etwa zu erhellen vermögen. Was bisher an gesichertem und überprüftem Wissen von Generationen ernsthafter Forscher aller Nationen erarbeitet wurde, hat hier in Bernatziks neuer, großer Völkerkunde seinen Niederschlag gefunden. Und der Leser wird mit vermehrter Spannung den folgenden Bänden entgegensehen, die von den alten Kulturen und Völkern Asiens, den Primitiven der Südsee und dem eigenartigen Nebeneinander von rätselreicher Vergangenheit und neonheller Gegenwart Amerikas berichten. E. A. Greeven