Die unglückliche Verfassung der Vierten Republik, nach dem doppelten Schrecken Pétain–de Gaulle zusammengezimmert, hat zwar der Kammer zu ihrer offiziellen Rolle als Legislative auch die versteckte Funktion der eigentlichen Exekutive zugeschanzt. Je mehr sich aber die Kammer als unfähig erwies, einen festen Kurs zu steuern, desto größer wurde der Spielraum für einen entschlossenen Einzelgänger. Mendès-France ist der erste, der diese Chance in vollem Umfange zu nützen weiß und bisher die zähneknirschende Kammer mit einer nicht abreißenden Kette „moralischer Plebiszite“ zu zähmen verstanden hat. Aber dieser Dressurakt spielt sich in einem luftleeren Räume ab. Der Superman, wie Dulles ihn nannte, hat das Volk bloß im Negativen, in der instinktiven Ablehnung der bisherigen Führungsschicht, hinter sich; es fehlt Mendès-France die positive Verankerung in einer Partei, einer Volksbewegung, einer Idee oder einem politischen Mythos. Frankreich bietet heute das eigenartige Schauspiel eines absoluten Attentismus. Das Volk, die Wirtschaftsgruppen, die Parlamentarier, ja selbst die amtierenden Minister verfolgen interessiert das Schauspiel, wie ein einzelner Mann sich in wilder Tätigkeit erschöpft. Das Auditorium scheint erstarrt auf den Augenblick zu warten, in dem der beunruhigende Einzelgänger ermattet zu Boden sinkt.

In einer solchen Lage gewinnt die kleine Gruppe von Gefolgsleuten, welche das Vabanquespiel gleichwohl mitmacht, erhöhtes Gewicht. Sie wird zum einzigen Stützpunkt und zum einzigen Werkzeug des Mannes, der die Hoffnung nicht aufzugeben scheint, das Land zuletzt doch in seinen Arbeitsrhythmus hineinreißen zu können. Selten hat sich das Interesse so auf einen Gehirntrust konzentriert wie auf diese Equipe PMF (PMF für Pierre Mendès-France). Daß diese Gruppe so im Scheinwerferlicht steht, läßt aber auch erkennen, wie sich selbst in einer solchen Equipe Wachablösungen vollziehen.

Seit seinem Aufsehen erregenden Rücktritt als Wirtschaftsminister im Juni 1945, als die von ihm geforderte Währungsreform an de Gaulles Veto scheiterte, hat Mendès-France sich auf keine halbe Bindung mehr eingelassen und neun Jahre lang auf die volle Macht gewartet. Wer in diesen Jahren an seiner Seite stand, ist jedoch nicht unbedingt auch der richtige Gefährte während der Bewährungsprobe, bei der täglichen Kleinarbeit fern vom Pathos des Kampfes in der Opposition. So undurchsichtig für die Öffentlichkeit die einzelnen Kräfteverschiebungen in einer solchen hinter den Kulissen operierenden Equipe auch sein mögen, so läßt sich in ihr doch deutlich eine Polarisierung auf zwei Flügel, dem der „alten. Kämpfer“ und demjenigen der erst auf dem Höhepunkt der Macht Hinzugestoßenen, erkennen.

Diesen Vorgang verdeutlicht anschaulich die Gegenüberstellung der beiden bisher bekanntesten Mitglieder des Gehirntrusts, Georges Boris und Servan-Schreiber, und des erst in dem letzten Halbjahr neu aufgestiegenen Stars Soutou. Mit diesem verglichen haftet den ersten beiden etwas Exzentrisches an. Georges Boris, erst Sekretär des unter mysteriösen Umständen aus dem Flugzeug gestürzten Bankiers Löwenstein, später Vertrauter von Léon Blum, ist der „Entdecker“ von Mendès-France. Unter seinem Einfluß hat Blum 1938 den 31 jährigen Mendès-France zum jüngsten Minister der Republik gemacht. Die Liebhaber er politischen Mythologie könnten keine geeignetere Figur als Boris finden, um eine dämonische „graue Eminenz“ zu malen. Auch der jugendliche J. J. Servan-Schreiber gäbe eine gute Romanfigur ab. Diese brillante journalistische Begabung hat sich zwar erst spät aus dem Umkreis von Bidault gelöst. Aber innerhalb eines Jahres hat er das von ihm gegründete Wochenblatt L’Express zu einer publizistischen Großmacht gemacht, die Mendes-France den Weg zur Ministerpräsidentschaft gebahnt hat. Wie sehr aber auch Servan-Schreiber mehr zu den Gefährten der „Kampfzeit“ gehört, läßt sich an seinem Blatt ablesen: seit es zu einer Art von Regierungsorgan geworden ist, hat es viel von seinem Pfeffer verloren.

Jean-Marie Soutou, der mit der Brüsseler Konferenz zum engsten persönlichen Berater von PMF geworden ist, kann hingegen einen Porträtisten zur Verzweiflung bringen. Er ist die Anonymität in Person. Und dabei kann man ihm nicht einmal nachsagen, daß er sich verstecke, um aufzufallen, wie das seit dem Wüsten-Lawrence in Mode gekommen ist. Er dürfte die einzige prominente Figur des „Experimentes Mendès-France“ sein, über die in dem so klatschfreudigen Tout Paris keine einzige Anekdote im Umlauf ist. Als bekannt wurde, daß er der geistige Vater der Ausweichlösung für die EVG, der Pariser Abkommen, wie auch derjenige des großangelegten Planes einer deutsch-französischen Wirtschaftszusammenarbeit ist, war über Nacht ein völlig Unbekannter zu einer Schlüsselfigur der französischen Politik geworden.

Die wenigen bekannten Daten aus seinem Leben sagen flieht viel. Der heute 42jährige ist in einem kleinen Ort der Pyrenäen geboren. Er soll aus bescheidenen Verhältnissen stammen und dadurch die Lebensverhältnisse in der französischen Arbeiterschaft aus eigener Anschauung kennen. Anscheinend hat er keine der berühmten Schulen von der Art der Ecole Normale oder der Ecole Polytechnique durchlaufen, denen sonst die französische Elite entstammt. Er gehörte nie einer Partei an, stellte sich nie einer Wahl und hat sich auch nicht im Beziehungsnetz der Pariser Gesellschaft hochkomplimentiert. Das Sprungbrett nach oben war für ihn wie für so viele seiner Generation die Résistance. Er nahm an ihr als Mitglied der linkskatholischen Gruppe Temoignage Chrétien teil und wurde 1943 von der Gestapo verhaftet und im Fort Montluc interniert.

Nach der Befreiung wird er vom Informationskommissariat der provisorischen Regierung in die Schweiz geschickt. Als Presse-Attache der Gesandtschaft in Bern tritt er in die diplomatische Laufbahn ein. Schon im August 1945 geht er als Zweiter Gesandtschaftssekretär nach Belgrad, wo er bis 1950 bleibt und zu einem genauen Kenner des volksdemokratischen Experimentes wird. Im November 1950 folgt die Ernennung zum stellvertretenden Direktor des Service de Cooperation Economique im Außenministerium, wo er sich nun bei den internationalen Wirtschaftsorganisationen seine Konferenzerfahrung holt. Und was über sein Privatleben zu erfahren ist, bestätigt nur das Bild einer Existenz fern alter Exzentrik, fern der üblichen Atmosphäre von Intrigen und Skandalen: er bleibt der Gesellschaft fern, verbringt seine Freizeit als Familienvater, liebt die Einsamkeit der heimatlichen Pyrenäen und der philosophischen Lektüre als Ausgleich. Une vie sans histoire, wie man treffend über ihn geurteilt hat.