Von Rudolph Walter

Die dritte Fortsetzung unseres heute abschließenden Berichtes über das Studium in England behandelte die umstrittenen Auswahlmethoden, die die Aufnahme der Elfjährigen in höhere Schulen und damit den Zugang zur Universität bedingen.

Auch in den meisten public schools muß eine Aufnahmeprüfung abgelegt werden. Auch an public schools gibt es Freiplätze und Stipendien – am bekanntesten und begehrtesten sind die scholarships von Eton, wo siebzig Stipendiaten nicht nur völlig kostenlos unterrichtet werden, sondern auch als die collegers, für die die Schule einst von König Heinrich IV. gegründet wurde, eine Vorzugsstellung genießen. Und schließlich: der Drang zur public school, der nach der Einführung der freien grammar school-Erziehung eher noch stärker als schwächer geworden ist, bedeutet keineswegs immer ein Davonlaufen vor dem Elf-Plus-Examen.

Da die wissenschaftliche Ausbildung an einer guten grammar school der an einer public school sicher ebenbürtig ist, drängt sich die Frage auf: Was veranlaßt Leute, die in vielen Fällen gar nicht besonders wohlhabend sind, Tausende von Mark zu bezahlen, wenn sie das gleiche kostenlos haben können? Von den vielen Antworten, die man auf diese Frage bekommen kann, kehren zwei immer wieder: Die wissenschaftliche Ausbildung ist nur ein Teil und oft nicht der wesentliche Teil dessen, was man von einer public school erwartet. Außerdem sind im Gegensatz zur public school die meisten grammar schools nicht Internatsschulen. Die Möglichkeiten aber, eine wirklich gute grammar school in erreichbarer Nähe zu finden, sind vor allem außerhalb der großen Städte sehr beschränkt.

B. J. W. Hill muß in seinem ausgezeichneten Buch, das sich 239 Seiten lang nur mit einer einzigen public school beschäftigt („Eton Medley“, 1948), gestehen „Ich hatte mich der Hoffnung hingegeben, dieses labyrinthische System erklären zu können; aber ich habe das bedrückende Gefühl, daß jetzt alles nur noch verwirrender erscheint.“ Wenn wir von prinzipiellen Erscheinungen auf konkretere Details übergehen, begeben wir uns daher auf schwankenden Boden, und es ist nur fair, hier ein Warnungsschild aufzustellen: Vorsicht! Danach wollen wir doch wenigstens einige Eigentümlichkeiten des englischen Schulwesens herausgreifen, die für den Vergleich mit deutschen Verhältnissen von besonderem Interesse sind:

Headmaster und master, Direktoren und Lehrer einer englischen Schule (hier wie in allem Folgenden ist von den besten grammar schools und von den großen public schools die Rede) sind beinahe unbeschränkte Herrscher in ihrem Reich. Nicht nur liegt die Auswahl von Lehrern ganz in den Händen des Direktors, sondern auch deren Gehalt wird von ihm festgelegt, soweit es über die von dem Burnham-Komitee festgelegten Mindestsätze hinausgeht. (Im Rahmen der Schulreform wurde verfügt, daß grundsätzlich Volksschullehrer und „Studienräte“ gleiche Gehälter beziehen, daß aber akademisches Studium, besondere Erfahrungen, besondere Leistungen durch entsprechende Prämien anerkannt werden.) So ist es zu erklären, daß manche Schulen in der Lage sind, einem Mann, den sie gern als Lehrer haben wollen, beispielsweise tausend Mark Monatsgehalt anbieten, obwohl sein Tarifgehalt um fünfhundert läge. Völlige Freiheit der Entscheidungen haben Direktoren und, auf ihrem jeweiligen Gebiet, Lehrer bei der Aufstellung von Lehrplänen und Stundenplänen. Welche Fächer unterrichtet, welche Methoden angewandt und wie viele Stunden Unterricht überhaupt erteilt werden, ist ganz ihnen überlassen.

Jeder einzelne Schüler kann aus etwa zwanzig Unterrichtsfächern eine engere Wahl treffen, die zunächst vielleicht acht, am Ende kaum mehr als drei Fächer umfaßt. Sport und Religion sind keine Unterrichts- und Prüfungsfächer. Aber jeder Unterrichtstag beginnt mit einem Schulgottesdienst (viele Schulen haben ihre eigene Kapelle), und ein großer Teil der schulfreien Zeit ist dem Sport gewidmet – Kricket im Sommer, Rugby-Fußball im Winter, Rudern, Tennis, Leichtathletik das ganze Jahr hindurch. Die Ehre, in der Schulmannschaft zu spielen, wird oft höher bewertet als wissenschaftliche Leistungen.