Woran erkennt man die Verläßlichkeit historischer Romane? Gibt es eine Methode, die jeden Zweifel ausschließt? Offensichtlich bieten sich zwei Regeln an: man kann zeitgenössische Dokumente, Tagebücher und Briefe so geschickt Zusammenstellen und bearbeiten, daß aus dem Mosaik ein echtes Bild des „Helden“ und seiner Zeit entsteht: Oder aber man sucht nach dem menschlichen Problem, welches das Schicksal einer historischen Persönlichkeit prägte, und Verwandelt diese zur zentralen Gestalt eines Romans. Diese Methode stellt freilich die größeren Ansprüche an den Autor. Daß weder das eine trocken noch das andere überzeugend sein muß, beweisen die folgenden Biographien und Romane.

Walter Consuelo Langsam: Franz der Gute, Die Jugend eines Kaisers. Verlag Herold Wien, Manchen. übersetzt von Adelheid Hrazky-Stiegler. 285 Seiten, 12,50 DM.

Das ist der erste einer auf drei Bände geplanten Biographie des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und des ersten Kaisers von Österreich. Er gibt ein sehr plastisches Bild von der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation der Jahrzehnte vor und nach der französischen Revolution und von den Bemühungen des jungen Kaisers, seinen riesigen Staat zu erhalten und zu sichern. Franz, mittelmäßig begabt, ohne das Genie seines Vorgängers und Onkels Josef II., gehörte zu den letzten Monarchen, die ihre Aufgabe nicht darin sahen, ihren Staat auf Kosten der Gesellschaft zu stärken, und deshalb das Phänomen der Revolution nicht begriffen und vor ihren Folgen versagten. Dieses Buch versucht die Rehabilitation eines Kaisers, von dem man meist nur weiß, daß er seinem Besieger Napoleon seine Tochter Marie-Luise zur Frau gab.

F.W. Kenyon: Sie wurde Kaiserin. Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg, übersetzt von Christian E. Lewalter und Anna-Liese Kornitzky. 628 Seiten. 17,80 DM.

Dies ist der Roman einer schlauen, eitlen, liebenswerten, egoistischen und unwiderstehlichen Frau, die sich und ihre Ehe gegen die wilde und ehrgeizige Horde der Verwandten ihres Mannes Zu verteidigen hat. Die Frau ist Josepine Beauharnais, die erste Gemahlin Napoleon I. Mit Dynamik jagt ihr abenteuerliches Leben auf den Höhepunkt zu, der zugleich sein tragischer Wendepunkt ist: Josephine wird Kaiserin, aber sie kann diese Stellung nicht halten, weil sie dem Kaiser den Thronerben nicht zu geben vermag. Kenyon versteht es, durch seine geschickte und psychologisch ausgezeichnete Schilderung des Kreolenmädchens und der alternden Kaiserin Josephine den Leser vollkommen von der „Richtigkeit“ seiner Interpretation zu überzeugen.

Erwin H. Bainalter: Arme schöne Kaiserin. Paul Zsolnay Verlag, Hamburg. 389 Seiten. 14,50 DM.

Bei diesem Roman kann man nicht von überzeugender Wahrhaftigkeit der Darstellung sprechen. Der Autor hat es fertig bekommen, aus dem Porträt der außergewöhnlichen Frau – Kaiserin Elisabeth von Österreich –, in deren Leben sich gespenstisch der Niedergang einer jahrhundertealten Monarchie spiegelt, unter Mißachtung aller Hilfsmittel, wie zum Beispiel des ausreichenden Quellenstudiums oder der diffizilen Psychologie, ein sentimentalrührseliges Bildchen zu zeichnen.