Zu einer Zeit, als Erich Kästner noch nicht als Erzähler, sondern lediglich als Verfasser seiner spöttisch-sehnsüchtigen Gebrauchslyrik hervorgetreten war, weilte ich mit ihm und Hermann Kesten eines Abends in einer bestimmten Runde. Es war in einer mitteldeutschen Großstadt. Hier hatten Kästner und Kesten gemeinsam mit einem jungen Berliner Lyriker und Novellisten aus eigenen Werken gelesen. Dieser Novellist, der den Auftrag nur an Stelle eines anderen, verhindert gewesenen Dichters übernommen hatte, paßte schlecht zu den beiden, die, wie jedermann in ihrer Gegenwart bald begriff, mehr miteinander gemein hatten als den zufälligen Gleichklang ihrer Namen. Während Kästner und Kesten den großen Zusammenhängen im menschlichen Leben und vor allem in der menschlichen Gesellschaft nachsannen, war nämlich jener zu der Zeit noch in einer ausgesprochen abseitigen und intimen seelischen Problematik befangen. Diese Problematik mochte Hermann Kesten und Erich Kästner nicht nur privat, sondern sogar abgestanden und unwürdig erscheinen. Nach der Lesung ergab es sich darum wie von selber, daß sie mit dem Novellisten über seine Arbeit in ein ernsthaftes Gespräch gerieten. Sie zollten dabei seinem poetischen Können rückhaltslos Anerkennung, fragten sich und ihn aber mehrmals, ob der Inhalt diesem Formvermögen denn gemäß wäre. An dieser persönlichen Frage entzündete sich schließlich eine allgemeinere, die das Gespräch zum weltanschaulichen Disput weitete. „Können Dichter die Welt ändern?“, so lautete sie.

Nun hatte der junge Novellist den beiden gegenüber einen schweren Stand. Vertrat er zunächst die Ansicht, daß dem Dichter die Macht und die Herrlichkeit des Wortes nicht für irgendeinen äußeren Zweck verliehen sei, so mußte er seine Ansicht bald berichtigen und immer mehr einschränken, bis er endlich den scharfen Beweisgründen Kästners und Kestens kaum noch etwas Stichhaltiges entgegenzusetzen hatte.

Während Kästner sich bei diesem Disput vorwiegend auf heitere Randbemerkungen beschränkte, zeigte Kesten sich dabei als ein unerbittlicher Logiker und Moralist. Mit klaren und bildhaften Worten wußte er kurz zu umreißen, was seiner Meinung nach dem modernen Roman als Thema anstand und welche neuen Inhalte ihm zugeführt werden müßten. Der Dichter könne nicht nur die Welt ändern, sagte er mit Nachdruck; er müsse sie vielmehr ändern, weil sie alles andere als die beste aller möglichen sei, wie Leibniz gelehrt habe...

Als der junge Novellist sich fast schon geschlagen gab und sehr nachdenklich geworden war, mischte sich plötzlich ein Herr in das Gespräch, der Gott weiß wie in unsere Runde geraten war. Er mochte glauben, daß nun die Stunde gekommen wäre, billige Lorbeern zu ernten. Vielleicht hoffte er auch, Kästner und Kesten mit einer Liebedienerei zu gefallen – genug, er fiel seinerseits unvermittelt über den Novellisten mit platten Worten her und erläuterte überflüssigerweise noch einmal, was schon längst erläutert worden war.

Hermann Kesten wurde bei den Worten des unsympathischen Schwätzers unruhig.

Ich bemerkte das nervöse Zucken in der linken Hälfte seines Gesichts. Es pflegte bei ihm oft dann aufzutreten, wenn er eine scharfe Entgegnung überdachte.

„Einen Augenblick!“ sagte er dann, indem er mit einer Handbewegung den Redefluß des Schwätzers stoppte. „Ich möchte nicht, daß unser Disput hier mißverstanden wird. Wir haben uns“, fügte er hinzu, „mit unserm Freund, dem Novellisten, hier auseinandergesetzt, weil wir bei aller Verschiedenheit doch glauben, daß wir auf einer Ebene stehen und in einer Erde wurzeln. Was uns auch voneinander trennen mag – wir dienen dem Geist als dem höchsten Ordner der menschlichen Dinge – und keinem Ungeist. Und wenn wir uns streiten, so geschieht es auf Grund vieler Einverständnisse. Das wollte ich doch betont haben!“