Mit allen übrigen Zweigen der Staatsverwaltung teilt der Auswärtige Dienst den Vorwurf dauernd steigender Kosten bei einem sich offensichtlich nicht mehrenden Nutzen. Nicht nur in Deutschland stellen Parlament und Öffentlichkeit häufiger und eindringlicher als früher die Frage, ob der Aufwand den Lohn rechtfertigt. Es handelt sich bei diesen Inquisitionen nicht um eine Nachkriegserscheinung. Schon Stresemann mußte sich darüber beklagen, daß er die für die Genehmigung des Auswärtigen Etats unerläßlichen Stimmen des Zentrums nur zu erlangen vermochte, indem er dem Zentrum nahestehende Beamte beförderte oder Zentrumsproteges als Attachés einstellte. Die gesteigerte Reizbarkeit der Volksvertretungen gegenüber den Kosten des diplomatischen Dienstes beruht auf der weitverbreiteten Vorstellung, daß Diplomaten Geldverschwender sind. Wie hätte sonst jahrhundertelang der diplomatische Dienst ein Monopol der begüterten Schichten bilden können! Der verstorbene Staatssekretär Freiherr v. Weizsäcker hat in einem Referat vor seinen Landsberger Mitgefangenen es als die populäre Anschauung über das Wesen der Diplomatie bezeichnet, daß ihre Vertreter reiche Nichtstuer seien, die von Cocktail zu Cocktail eilen, auf Frühstücken und Banketten sich Orden und Schmeichelein verdienen, ohne ihr Zutun befördert werden, um als Botschafter außer Diensten eine hohe Pension in ländlich schöner Gegend zu verzehren. Feststellungen wie sie ein Committee des britischen Unterhauses kürzlich über die Kosten des Foreign Service veröffentlichte, scheinen diese Annahme zu bestätigen. Der Bericht, der in der englischen Öffentlichkeit viel Staub aufwirbelte, besagte, daß Botschafter öfters bis zu 200 und 300 Cocktailgäste haben, daß sie am Geburtstag der Königin 700 Personen bewirten, mehrmals in der Woche Bankette zu 30 Gedecken veranstalten, daß jüngere Beamte Polo-Ponys als Spesen absetzen, daß das Foreign Office Darlehn zum Ankauf von Kraftwagen auch an solche Beamte gewährt, die gar kein Auto halten.

Einwände solcher Art mögen auch früher erhoben worden sein. Als dem die Geschäfte des Auswärtigen mit wahrnehmende, wegen seiner Verschwendungssucht bekannte preußische Staatskanzler Fürsten Hardenberg nahegelegt wurde, festen Bezügen zuzustimmen, winkte er mit dem Bemerken ab:’„Ich nehme mir, was ich brauche.“ Noch zu Bismarcks Zeiten war es üblich, Diplomaten durch wertvolle Geschenke unter die Arme zu greifen, Fürsten übersandten ihre Porträts in Umschalungen, die ein kleines Vermögen darstellten, und hohe Orden wurden mit den kostbarsten Steinen in der Absicht verziert, daß der Empfänger sie zu Geld machen möge. Damals begriff man nicht nur, daß die Diplomatie hohe Ausgaben erfordere, sondern fand dies auch durch ihre Leistungen gerechtfertigt. Niemand wäre wie heute darauf gekommen, zu fragen, wofür ein Botschafter, der doch nur die Dienste eines gehobenen Briefträgers zwischen den Chefs der Regierungen versehe, sein hohes Salär eigentlich erhalte. So darf die mit der parlamentarischen Handhabung der Außenpolitik einsetzende Prestige-Minderung der Diplomatie als eigentlicher Grund für das zunehmende Mißbehagen an ihren Kosten verzeichnet werden.

Man sollte demnach meinen, daß die Außenministerien mehr noch als andere bestrebt seien, die Existenznotwendigkeit ihres riesenhaft aufgeblähten Apparates nachzuweisen. Die Neigung, public relations zu treiben, die beispielsweise den Steuerfiskus zu einer beachtlichen aufklärenden Aktivität angespornt hat, ist beim Auswärtigen Dienst jedoch, gering. Manchmal will es scheinen, als ließen sich die Außenämter nichts lieber gefallen, als die aus dem Schoße der Volksvertretungen aufsteigende düstere Klage von der diplomatischen Geheimwissenschaft. Heute liegt den Berichten der Botschafter, deren Selbständigkeit durch den Fernschreiber aufs äußerste eingeschränkt ist, nur noch in Ausnahmefällen geheimes Material zugrunde, und es gibt in den Weltstädten Pressekorrespondenten, die den politischen Vorgängen mit größerem Scharfsinn und mehr Material folgen können, als mancher Missionschef. Obwohl sich also die Tätigkeit von Botschaften und Gesandtschaften im Licht einer örtlichen Öffentlichkeit abspielt, wird sie mit einem Geheimnisschleier umgeben, der bei den Parlamentariern, die den Auswärtigen Dienst kontrollieren, nur noch vereinzelt Ehrfurcht, viel öfter aber Ärger auslöst. Das Foreign Office hätte sich beispielsweise manche Kritik sparen können, wenn es seinen Etat gleich so aufgegliedert hätte, daß die Grundkosten des diplomatischen Dienstes sichtbar geworden wären. Es hätte dann nicht erst der Eindruck entstehen können, daß dieser Dienst 214 Millionen £ verschlinge, statt in Wirklichkeit nur 15 187 290 £ (1 £ gleich 11,80 DM).

Was dem Foreign Office so sehr geschadet hat, kann dem Auswärtigen Amt kaum nützen. Im Voranschlag für 1955 liegen seine Kosten mit 176,9 Millionen DM um 18,5 Millionen DM über denen des Vorjahres. Damit entsprechen sie ziemlich genau denen des Foreign Service (15 187 290 £). Das Bonner Auswärtige Amt beschäftigt in 29 Botschaften, 27 Gesandtschaften, 25 General- und 42 Berufskonsulaten, einer Handelsvertretung und einer ständigen Wirtschaftsdelegation 3157 Auslandsbeamte, zu denen 1057 in der Bonner Zentrale treten. Das Foreign Office unterhält 29 Botschaften, 27 Gesandtschaften und eine große Anzahl von General- und Berufskonsulaten mit 3093 Auslandsbeamten. Der Aufbau des deutschen Auswärtigen Dienstes ist noch nicht abgeschlossen. Auch verfügt die Bundesrepublik im Unterschied zu Großbritannien über keine diplomatischen Missionen in kommunistisch regierten Ländern (mit Ausnahme Jugoslawiens). Andererseits bestehen deutsche diplomatische Vertretungen in den Ländern desbritischen Commonwealth und konsularische in den britischen Kronkolonien, die das Foreign Office nicht betreut, weil sie in die Zuständigkeit des Commonwealth oder Colonial Office fallen. Die Personalausgaben der Bundesrepublik im Ausland stellten sich 1954 auf 72 763 000 DM, die des Foreign Office auf 7 083 160 £. Demzufolge wurden für jeden deutschen Auslandsbeamten im Durchschnitt 23 000 DM, für jeden englischen Auslandsdiplomaten 2 300 £ aufgewandt. Ähnlichkeit zeigen auch die Spitzengehälter. Deutsche Botschafter der höchsten Besoldungsstufe (Washington) erhielten 1954 206 260 DM, die sich aus Gehalt, Auslandszulage, Aufwandsentschädigung und Ortszuschlägen zusammensetzen. Britische Botschafter der gleichen Kategorie brachten es auf 26 890 £. Die deutschen Zahlen lassen sich aus dem „Einzelplan 05“ des Bundeshaushalts für den Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes ermitteln. Aus nicht ersichtlichen Gründen wird die (allerdings veränderliche) Höhe der Ortszuschläge im Voranschlag nicht bekanntgegeben, sondern geheimgehalten. Es bedarf erst umständlicher Nachfragen, um festzustellen, daß der Ortszuschlag für Washington 100 v. H., für London 50 v. H., für Rio de Janeiro 80 v. H., für Karachi 140 v. H. und für Teheran 40 v H. von Gehalt, Auslandszulage und Aufwandsentschädigung beträgt. Der den Etat kontrollierende Parlamentarier erfährt, daß der Geheimfonds 3 000 000 DM beträgt, daß die Kosten der EVG-Verhandlungen von 1063 400 DM im Jahre 1953 auf 875 100 DM im Jahre 1954 zurückfielen, daß die Wiederherausgabe des diplomatischen „Gotha“ mit 25 000 DM subventioniert worden ist, daß 850 000 DM für die Erweiterung des Deutschen Hospitals in Korea bereitgestellt wurden, daß das Auswärtige Amt am liebsten Mercedes fährt und Wagen nach 70 000 Fahrtkilometern durch neue ersetzt. Er nimmt zur (erstaunten) Kenntnis, daß Dozentenhonorare für Vorlesungen an der Diplomatenakademie in Speyer nur mit 2500 DM erscheinen, daß aber für „graphologische Gutachten“ (über deren Wert sich die Gelehrten streiten) mit 3000 DM eingesetzt sind. Der Parlamentarier vernimmt auch, was der technische Apparat kostet, die Fernschreiber und Diktaphone, Simultandolmetscheranlagen und Magnetophone, die Photokopierapparate und Panzerschränke, die Trocken- und Bostonpressen, die Rechen- und Buchungsmaschinen, ohne die eine moderne Bürokratie nicht mehr auskommt. Aber diese auf 93 Druckseiten, verteilte Kenntnis wird ihm nicht leicht gemacht. Was er schließlich wissen möchte, erfährt er gar nicht, etwa wie hoch sich die Kosten der Pariser im Verhältnis zur Londoner Botschaft stellen, warum hier so viele und dort so viele höhere, mittlere und untere Beamte gebraucht werden oder entbehrlich sind. So wünschenswert die von Staatsmännern wie Churchill bereits geforderte Rückkehr zu den Methoden der Geheimdiplomatie auf dem politischen Sektor wäre, so verfehlt ist ihr Überleben im Haushaltsausweis. Es kann kein Schaden entstehen, wenn die Ausgaben eines Botschafters, der 200 000 DM jährlich erhält, einmal dem Publikum verständlich aufgeschlüsselt werden. Wenn es so ist, wie Sir Swinton Paterson, Generalinspekteur des britischen Foreign Service, gegenüber dem Select Comittee ausführte, daß nämlich Repräsentationskosten kein Einkommen darstellen, daß Geld zur einen Tasche nur hereinkommt, um zur anderen wieder hinauszugehen und ein Botschafter in der Regel nicht mehr als 1/23 seiner Gesamtbezüge als echte Einnahme betrachten kann, warum wird dies nicht deutlich gemacht? Den Diplomaten, die die Aureole staatsmännischer Weisheit und Könnens längst mit der Beflissenheit des Funktionärtums haben vertauschen müssen, wird ein schlechter Dienst erwiesen. H. G. v. Studnitz