o. m., Hamburg

Ein tschechoslowakisches „Kulturschiff“ hat – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt – im Hamburger Hafen festgemacht. Es liegt im Abschnitt Moldauhafen in der Nähe des Vorstadtbezirkes Veddel und führt hier ein einsames Dasein. Das mag so recht im Sinne seines Eigentümers, des tschechoslowakischen Staates, genauer: der Tschechoslowakischen Elbeschiffahrts-Gesellschaft sein. Sehr viel weniger aber mag es den Wünschen der tschechischen Elbeschiffer entsprechen, denn hier gewissermaßen kaserniert zu leben, ist für einen Seemann kein Ersatz für die Reeperbahn...

Es scheint, daß die Prager Regierung keinen Wert darauf legt, ihr „Kulturschiff“ von anderen Menschen besucht zu sehen als von denen, für die es eingerichtet wurde. Der zum Wohnschiff umgebaute Schleppkahn ist eine Art Seemannsheim für die Besatzungen der tschechischen Schlepper und Frachtkähne, die regelmäßig die Strecke Prag–Aussig an der Elbe – Hamburg befahren.

Der Hauptzweck des recht originell umgebauten Schiffes, das in Hamburg bleiben soll, ist die „Betreuung“ der tschechoslowakischen Schiffersleute, offensichlich aber nicht nur in kulinarischer Hinsicht. Anscheinend sollen die Elbeschiffer aus Prag den Verlockungen des „verderbt-kapitalistischen“ St. Pauli ferngehalten werden. Um ihrer geistigpolitischen Entfremdung von den heimatlichen Doktrinen vorzubeugen, hat Prag, nun dafür gesorgt daß hier der Prager Rundfunk zu hören, tschechische hier der besonders das parteiamtliche „Rudé Právo“, zu lesen ist und daß jeder mühelos überwacht werden kann. In allen Räumen, selbst in der Speisenausgabe vor der Küche, hängen neben Landschaftsbildern aus dem böhmischen Elbetal mit Tannenreisig geschmückte, und dennoch finstere Porträtphotos von Malenkow und vom tschechoslowakischen Staatspräsidenten Antonin Zapotocky.

Man hat versucht, dieses „Kulturschiff“ so einzurichten, daß es seinen Pensionsgästen die Möglichkeit bietet, sich auch in der deutschen Fremde „ganz wie zu Hause“ zu fühlen. Daher dienen die beiden Haupträume Schulungszwecken. Dann und wann finden sogar Filmvorführungen statt. Der Kantinenbetrieb in diesem „Kulturschiff“ ist billig. Es gibt original böhmische Küche. Eine Flasche (deutsches) Exportbier kostet – steuerfrei – nur 50 Pfennig. Schnaps darf nicht ausgeschenkt werden. Die tschechischen Schiffer bezahlen in der tschechoslowakischen Kronenwährung. So spart Prag die Devisen, die es vordem aufzuwenden hatte, als seinen Elbeschiffern D-Mark für ihre Verpflegung in deutschen Gaststätten gegeben werden mußten.

Wer als Fremder versucht, mit dem Genossen Verwalter des Kulturschiffes Konversation zu machen, zum Beispiel über die Lage in der Tschechoslowakei, wird enttäuscht. Der offensichtlich sehr pflicht- und linientreue Mann beruft sich sogleich auf seine Vorschriften. Höflich, aber bestimmt weist er–in deutscher Sprache – darauf hin, daß Deutschen wie allen anderen nicht bei seiner Firma Beschäftigten der Aufenthalt im „Kulturschiff“ verboten sei. „Das hat seinen Grund“, fügt er hinzu, „denn der rechtliche Status unserer schwimmenden Herberge ist noch nicht ganz geklärt, es ist noch unklar, ob es sich um exterritorialen Boden handelt oder nicht.“ Außerdem seien es nicht die tschechoslowakischen, sondern die deutschen Behörden, die nicht wünschten, daß sich hier ein öffentlicher Gaststättenbetrieb entwickle.