Das Amtsgericht in Nürnberg hat, wie in der „Neuen Zeitung“ vom 14. Januar zu lesen steht, ein Urteil gefällt, das nicht nur salomonisch genannt zu werden verdient, sondern auch die tröstlichsten politischen Perspektiven aufleuchten läßt. Begeben hatte sich, daß sieben Blechmusikanten bei der Kirchweih in dem Dorfe Ziegelstein den „Badenweiler Marsch“ zum besten gegeben hatten und deshalb wegen gemeinschaftlichen groben Unfugs angezeigt worden waren. Aus der Anzeige war nicht zu entnehmen, ob der Unfug in der Entweihung der Kirchweih durch Abspielen des einstmaligen Führerpräsentiermarsches bestanden haben sollte oder vielmehr in der Entweihung des Andenkens an den Führer durch Abspielen seines Lieblingsmarsches ausgerechnet bei einer Kirchweih. Das Nürnberger Amtsgericht jedenfalls verneinte überhaupt den Tatbestand des groben Unfugs und sprach die sieben Trompeter frei. Der Badenweiler Marsch, so erklärte die Urteilsbegründung, sei gar nicht der Badenweiler Marsch, sondern vielmehr der „Badonviller Marsch“, komponiert im August 1914 als Erinnerung an das Gefecht eines bayerischen Regiments bei dem lothringischen Ort Badonville. Er sei also in Wahrheit ein „Marsch der alten bayerischen Armee, die tausend Jahre lang von der Schlacht auf dem Lechfeld bis zur Frühjahrsoffensive 1918 stets tapfer, anständig und ritterlich gekämpft hatte und nie zur Eroberung fremder Länder und Unterdrückung fremder Völker, sondern stets nur zur Verteidigung ihres Heimatbodens ausgezogen war“. Jeder echte Bayer empöre sich daher noch heute darüber, „daß ein nichtbayerischer Halbzigeuner aus der Hausierersippe der Schicklgruber diesen Marsch, der eine Erinnerung an eine schneidige Waffentat der alten bayerischen Armee hochhält, für seine das ganze deutsche Volk zum Gespött der übrigen Welt machenden Hanswurstiaden, genannt Führergroßkundgebungen, mißbrauchen konnte“. Es sei also höchste Zeit, „den sogenannten Badenweiler Marsch zu entnazifizieren und ihm wieder seinen alten Namen Badonviller Marsch zu geben“. Zwar wisse man auch in Nürnberg, daß anderswo eben dies Musikstück mit eindeutig anderem politischem Akzent gespielt werde. Aber diesen Fortsetzern des Mißbrauchs lasse sich leicht das Wasser abgraben: „Wenn der Marsch von demokratischen Organisationen gespielt würde, würden rechtsradikale Kreise sehr schnell die Freude an ihm verlieren.“

Was den echten Bayern recht ist, müßte den echten Hessen billig sein. Ein hessisches Regiment ist es nämlich gewesen (das Kasseler Infanterieregiment), das sich auf den Märschen im Feldzug von 1870/71 ein Lied sang, dessen Melodie dann fünfzig Jahre später jene Strophen unterlegt wurden, die mit den Versen beginnen: „Die Straße frei, die Reihen fest geschlossen...“ Mit einem Wort: es wurde aus diesem Soldatenlied nach mancherlei Metamorphosen (unter denen sich auch ein Kölner Karnevalsschlager befand) das Horst-Wessel-Lied. Das Horst-Wessel-Lied ist also so wenig das Horst-Wessel-Lied wie der Badenweiler Marsch der Badenweiler Marsch ist. Mögen also die zuständigen Stellen dafür sorgen, daß das Marschlied des Kasseler Infanterieregiments recht oft von demokratischen Organisationen als Erinnerung an schneidige Waffentaten der alten hessischen Armee gespielt werde, die ja in den zweitausend Jahren von Hermann dem Cherusker bis zur Frühjahrsoffensive 1918 stets tapfer, anständig und ritterlich gekämpft? hat und – soweit sie nicht von ihren Kurfürsten gegen bare Münze verkauft wurde – nie zur Eroberung fremder Länder, sondern stets nur zur Verteidigung ihres Heimatbodens ausgezogen ist... cel.