/ Von Paul Hühnerfeld

Als die Alliierten 1945 das Land Preußen zum Tode verurteilten, da wollten sie den preußischen Geist sterben lassen. Unter preußischem Geist verstanden sie: Marschmusik, Generalstabsstrategie, Militarismus, Eroberungssucht und Staatsvergötterung. Daß diese Negative nicht den ganzen preußischen Geist ausmachten, tangierte die Sieger nicht. Es gab auch ein anderes Preußen. Dies wurde leider nicht erkannt und so in Mitleidenschaft gezogen.

In dem großen, gelben Gebäude Universitätsstraße 25 zu Marburg an der Lahn stirbt vielleicht gerade ein Stück dieses anderen Preußens. Es ist die „Preußische Staatsbibliothek“, die sich heute „Westdeutsche Bibliothek“ nennt. In dem für diese riesige Bibliothek viel zu kleinen Gebäude und in mehreren Sälen des Schlosses der heiligen Elisabeth liegen die Reste der einstmals größten Bibliothek Mitteleuropas: Drei Millionen Bände zählten ihre Bestände 1939, 1,7 Millionen zählt man heute in Marburg. 500 000 Bände sind in Ostberlin zu einer Bibliothek zusammengefaßt worden, die es ganz bewußt darauf anlegt, Nachfolge-Institut der Preußischen Staatsbibliothek zu werden: sie hat sich im alten Gebäude „Unter den Linden“ etabliert und sich vor kurzem zur Betonung ihres Anspruches den Namen „Deutsche Staatsbibliothek“ zugelegt.

Die Preußische Staatsbibliothek wurde 1659 vom Großen Kurfürsten in Berlin gegründet. Der Aufstieg Preußens brachte den Aufstieg der Bibliothek. Preußen war Deutschlands größtes Land – die Leiter der Bibliothek konnten tatsächlich so etwas wie eine gesamtdeutsche Kulturpolitik treiben und vor allem: sie konnten sich mit ihren Mitteln einen Bücherschatz erwerben, der weltberühmt wurde, so zum Beispiel die Sonderabteilungen der Bibliothek: der orientalische Lesesaal, die Musikalienabteilung, die mit Wien und Paris die reichhaltigste Handschriftensammlung der Welt besaß, die Kartenabteilung, die lateinischen und altdeutschen Handschriften, die Vielzahl der Inkunabeln, der kostbaren Erstdrucke, die oft nur noch in Berlin vorhanden waren.

Im Jahre 1940 begann die Evakuierung der Bibliothek; die Bände wurden nach Schlesien und nach Hessen – hier in einen Kalibergwerkstollen in der Nähe von Bad Hersfeld – ausgelagert. Als der Krieg zu Ende war, fand man die 1,7 Millionen Bücher in Hessen, 500 000 Bände waren in Berlin – der Rest von 800 000 Bänden ist verschollen. Sie müßten in Polen liegen, aber sie tauchen in keinem Verzeichnis polnischer Bibliotheken auf. Lagern sie irgendwo als staubüberzogener Schutt in Breslau, Krakau oder Warschau? Sind sie in die Sowjetunion übergeführt worden? Sind sie verbrannt? Niemand diesseits des Eisernen Vorhanges weiß es.

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Das Erbe des zum Tode verurteilten Landes Preußen ging 1945 verwaltungstechnisch in die Hände der Alliierten über. In Hessen saßen die Amerikaner: im Jahre 1946 übergaben sie die Treuhänderschaft der Bibliothek dem Lande Hessen. Der Aufbau der Bibliothek konnte beginnen. Aufbau ...? Zunächst ging es um die nackte Existenz der Bücher: im Kalibergwerk zu Hersfeld war nämlich in einem Nachbarstollen während der Lagerung ein Brand ausgebrochen; das als Folge der Hitzeentwicklung herabtropfende Kali „versalzte“ viele Bücher, Karten und Handschriften; schwarze Flecke saßen im Papier, die sich langsam, aber unaufhaltsam weiterfraßen. Noch heute riecht es in einigen Aufbewahrungshallen der Bibliothek und des Schlosses wie in einer riesigen Räucherkammer: da liegen die Bücher, die dem Kalibrandherd am nächsten waren. Noch heute müssen diese Schätze von Angestellten ständig überwacht werden, ob sich das Salz in ihnen bemerkbar macht. Denn die Versalzung ist für Bücher eine ansteckende Krankheit: wer sie hat, muß schleunigst isoliert werden.